14.06.2017

HAW Hamburg, Finkenau 35, Ditze Hörsaal

Barbara Ott

Kati Szilágyi

machen Editorial

Beide sind selbstständige Illustratorinnen und seit 2016/2017 mit dem Studium fertig. Sie arbeiten hauptsächlich im Editorial-Bereich, das heißt für Magazine und Zeitungen.

Barbara hat in Mainz, Brüssel und an der HAW Hamburg studiert. Sie arbeitet seit 2014 freiberuflich, z.B. für Kunden wie die New York Times, Google, Spiegel u.A. Mittlerweile lehrt sie in Mainz als Dozentin für Illustration.
Kati hat in Mainz und Stuttgart studiert. Sie ist freiberufliche Illustratorin seit 2016 und ist Dozentin an der FH in Würzburg. Zu ihren Kunden gehören die New York Times, Buzzfeed, Google, Bloomberg Businessweek und viele andere.

In ihrem Vortrag berichteten die beiden von ihrem Alltag als freiberufliche Illustratorinnen und welchen Einfluss das Illustratorenkollektiv Parallel Universe auf sie und ihre Arbeit hat.

 

Das Kollektiv

Neben Barbara und Kati sind vier weitere Illustratorinnen Mitglieder des Kollektivs: Ji Hyun Ju, Laura Breiling, Cynthia Kittler und Riikka Laakso. Sie haben sich während des Kommunikationsdesignstudiums an der FH Mainz kennengelernt und angefreundet. Der Fokus dort lag weniger auf der Illustration, sondern eher auf  Typografie, Fotografie oder Corporate Identity. Im Bachelorstudium gab es dort nur ein, maximal zwei Kurse für Illustration. Alle haben sich jedoch für Illustration interessiert und ab dem 3. Semester angefangen gemeinsam an Projekten zu arbeiten.

Die Sechs hatten das Glück, dass mit ihrem Studienbeginn auch der Studiengang umstrukturiert wurde und die Illustrationsprofessorin Monika Aichele dazukam. Deren Einstellung zu Illustration hat das Kollektiv wesentlich beeinflusst. Monika Aichele ist Teil der New Yorker Illustratorenszene und hat dort für namhafte Magazine und Zeitungen gearbeitet. Einer der prägendsten Momente im Studium war daher die gemeinsame Exkursion nach New York.

Während ihres Besuchs in New York fand zeitgleich die American Illustration Week statt, bei der die Gewinnerillustratoren bekanntgegeben wurden und unterschiedliche Ausstellungen stattfanden. Auch die Studenten konnten beim Ausstellungsabend dabei sein, mit etablierten Illustratoren vor Ort ins Gespräch kommen und allgemein einen Einblick in die dortige Szene gewinnen. Außerdem durften sie die Redaktion der New York Times besuchen und Nicholas Blackman, den damaligen Art Director der Book Review, kennenlernen. Er konnte von seinem Joballtag und dem Umgang mit Illustratoren berichten. Außerdem konnte die Studentengruppe andere namhafte Illustratoren wie z.B. Riccardo Vecchio in seinem Atelier besuchen und sich ein Bild davon machen, wie die Editorial-Welt in den USA funktioniert.

Heute würden die Kollektivmitglieder sagen, dass sie sich, neben Professoren, hauptsächlich selbst geprägt und beeinflusst haben. Sie haben gemeinsame Projekte realisiert, viele Abende lang über Illustration gesprochen und gemeinsame Ausstellungen realisiert oder besucht. Ohne eine Agenda im Kopf, wo es hingehen soll, haben sie sich viel ausgetauscht und sich gegenseitig Bücher, Gifs oder Filme gezeigt.

 

Publikationen

Nach dem Studium haben die Sechs das Parallel Universe Collective gegründet, hauptsächlich weil viele von ihnen in unterschiedliche Städte gezogen sind und sie so den Kontakt aufrecht erhalten wollten. Irgendwann haben sie begonnen gemeinsame Publikationen herauszubringen, so wie vier kleine Zines, die sie selbst verlegt haben. Für jedes Magazin übernahm eine von ihnen die Art-Direktion. Im Vortrag zeigte Barbara Bilder vom ersten Zine „Schiff unter Palmen“ für das Kati und Cynthia Kittler die Art Direktorinnen waren und vom zweiten Zine für das Riikka Laakso die Leitung übernahm und welches das Thema „Sensibilität“ behandelt. Das dritte Magazin erschien 2014 mit dem Namen „Parallel Universe“ und wurde von Kati allein kuratiert. Das Konzept des letzten Heftes, das Barbara betreute und 2015 erschien, war anders als die vorherigen: Es wurden Songs in Comicform interpretiert und nicht nur die Kollektivmitglieder sondern auch externe IllustratorInnen, die eingeladen wurden, konnten dem Zine etwas beisteuern. Dazu gab es eine Ausstellung während des Comicfestivals 2015.

In den vier Jahren, in denen diese Magazine entstanden, verfolgten alle sechs Illustratorinnen des Kollektivs ihren eigenen Weg und begannen damit ihre Karriere aufzubauen, manche durch ein neues Studium, andere durch den Aufbau der Selbstständigkeit.

 

Die Mitglieder des Kollektivs

Ji ging nach dem Studium für eine kurze Zeit nach New York und arbeitete für namhafte Kunden wie die New York Times oder das Magazin Plansponsor. Sie wurde von WeTransfer gefeatured, gewann einige Preise wie den American Illustration Award und war außerdem im 3×3 Magazin vertreten. Ihr Stil ist locker, humorvoll, farbenfroh und zum Teil sehr skurril.

Außerdem ist sie als erste im Kollektiv Mama geworden.

Laura zog nach dem Bachelor nach Berlin und ist seitdem als freiberufliche Illustratorin tätig. Sie arbeitet für große nationale und internationale Kunden, wie z.b. das Politikmagazin Cicero, für die New York Times oder Google. Lauras Themen sind oft feministischer und politischer Natur, sie scheut nicht vor Tabuthemen. Dadurch hat sie zwar eine große wachsenden Fangemeinde in Social Media Netzwerken, ist gleichzeitig aber auch harter Kritik ausgesetzt.

Riikka ging nach dem Studium in Mainz an die UdK in Berlin. Sie hat einen naiven, humorvollen, bunten Stil, der vielen Magazinkunden, vor allem national, wie den Magazinen Hohe Luft oder Psychologie Heute, sehr gefällt. Sie arbeitet auch für andere Bereiche, zum Beispiel fertigte sie eine Illustration für die Webseite der Charityorganisation „Musik bewegt“ an.

Auch Cynthia begann direkt nach dem Studium freiberuflich zu arbeiten. Sie lebte genau wie Ji eine zeitlang in New York und begann dort den amerikanischen Markt zu erobern. Cynthia hat aktuell vermutlich die größten Kunden aller Kollektivmitglieder. So hat sie nicht nur für die New York Times gearbeitet sondern durfte auch Illustrationen für den New Yorker anfertigen, was ein „Ritterschlag“ für IllustratorInnen sei, sagte Kati. Außerdem illustriert sie Bücher, wie beispielsweise „A Century of Scent“, für das sie 100 kleine schwarz-weiß Vignetten anfertigte.

 

Barbaras und Katis Arbeiten

Im weiteren Verlauf zeigten Barbara und Kati abwechselnd verschiedene Auftragsarbeiten, die sie inhaltlich wie formal kurz erklärten und anhand dessen sie besonders alltägliche Probleme eines Illustrators beleuchteten.

 

Barbara berichtete zunächst von ihrem zweiten Auftrag, den sie zufällig von der New York Times bekam, nachdem sie ihr Portfolio an den Art Direktor geschickt hatte. Sie glaubt, dass sie diesen Job so schnell bekommen hat, weil das Thema für die anstehende Illustration zufällig etwas mit einem deutschsprachigen Land zutun hatte und sie eine deutsche Illustratorin war, die gerade ihr Portfolio verschickt hatte. In einem New York Urlaub mit der Familie konnte sie außerdem noch einmal persönlich ihr Portfolio bei dem New Yorker Art Direktor zeigen, was in den USA, so sagt sie, noch sehr gerne gesehen wird. Zwei weitere ihrer Jobs waren für das Magazin Spiegel Wissen, für das sie eine Deutschlandkarte zum Thema Kriminalgeschichten illustrierte und eine Arbeit für Google zur 25-Jahr-Feier der deutschen Wiedervereinigung.

Einer von Katis größeren Jobs im Ausland war eine Illustration für einen Artikel von Buzzfeed, über den sie sich sehr gefreut hat, da sie die Illustration in ihrem Scherenschnitt-Stil umsetzen durfte. Dieser sei bei ihren amerikanischen Kunden eindeutig beliebter, als in Deutschland, wo eher ihr zeichnerischer Stil gefragt sei. Zurückzuführen ist dieser Auftrag auf eine Illustration ihrer Diplomarbeit „Doppelgänger“, die Kati auch im Scherenschnitt-Stil gestaltete und die den Art Direktor von Buzzfeed stilistisch überzeugte.

Kati erzählte, dass Politik- und Wirtschaftsmagazine gut zahlende Kunden seien, die oft trockene Themen behandeln, welche man spannend übersetzen könnte, wenn sie nicht gerade die nächstliegende Idee umgesetzt haben wollten. Beispielsweise fertigte Kati mehrere Illustrationen für die Wirtschaftswoche an, bei der sie zum Teil freie Assoziationen umsetzen durfte, zum Teil aber auch auf gängige Klischees des Bereichs, wie Laptop, Briefe oder das Handy, zurückgreifen musste. Ihr Ziel ist, diese klischeebeladenen Elemente zu umgehen oder, wenn das nicht geht, zumindest eine witzige Umsetzung oder eine spannende Komposition zu finden. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, den richtigen Umgang mit kontroversen Themen und seine eigene Position dazu zu finden. So wurde Kati für das Magazin Cicero mit einem zum Teil subjektiven Artikel über die NATO konfrontiert, bei dem sie versuchte selbst objektiv zu bleiben und die Illustration offen für Interpretation zu lassen.

Barbara erklärte anhand ihres Auftrags für das Magazin Focus Business zum Thema agiles Arbeiten, wie man oft mit abstrakten Themen konfrontiert ist, für die man einfache Übersetzungen und Symbole finden muss, um dem Leser die Inhalte so einfach wie möglich zu vermitteln.

Ein weiterer Job von Kati war für die New York Times, für die sie die Book Review illustrierte und bei dem erneut ihr Cut-Out-Stil gefragt war. Spannend für sie war es, den sehr expressiven Stil aufgrund der erzählerischen Vorlage dieses Mal etwas leiser anwenden und insgesamt atmosphärisch arbeiten zu können, im Gegensatz zu den Illustrationen für eher trockene politische Themen.

Auch Barbara mag es besonders atmosphärisch zu arbeiten und viel Stimmung in ihre Illustrationen zu bringen.

Anhand einer Auftragsarbeit für das Alumni-Magazin der Boston University sprach Barbara das Problem mit Verträgen an. Obwohl es ein kleiner schlecht bezahlter Auftrag war, musste mit dem Kunden ein Vertrag vereinbart werden, bei dem sie die komplette Urheberschaft abgeben sollte. Barbara warnte vor solchen Work-for-Hire-Veträgen, die in den USA offenbar gängig sind, die es in Deutschland beispielsweise aber gar nicht gibt, da man seine Urheberschaft hier nicht gänzlich abgeben kann. Sie forderte dazu auf, Verträge immer sehr gut zu lesen und im Zweifel Passagen zu streichen oder gar nicht erst zu unterschreiben, in jedem Fall aber zu verhandeln.

Auch Kati berichtete von einer Erfahrung, die sie mit einem schlecht bezahlten Job für ein Frauen- und Lifestyle-Magazin gemacht hat. Sie unterschrieb den Vertrag, ohne ihn genauer zu lesen und stimmte damit zu, ihre Arbeit bis zu einem Jahr nicht bei Wettbewerben einreichen zu dürfen. Dabei sollte es möglich sein, seine Arbeiten jederzeit nach freiem Belieben nutzen zu können, zum Beispiel für eigene Werbung.

Ein weiteres Beispiel war Katis Arbeit für das Frauenmagazin Wienerin, bei der sie witzige Beauty-Fragen illustrieren sollte. Hieran stellte Kati ihre Vorgehensweise bei so einem Job vor: Zunächst schickt sie verschiedene Skizzen, manchmal schon koloriert, an den Kunden, dieser sucht sich eine Skizze aus, die Kati dann final umsetzt. Auch hier war der Job nicht gut bezahlt, dafür hatte Kati aber viele Freiheiten und konnte von der Illustration im Nachhinein profitieren, weil sie oft als Referenz aus ihrem Portfolio gewählt wurde.

Schwierig ist es auch, wenn keine Vereinbarungen mit dem Kunden getroffen werden, wie in Barbaras Fall. Sie illustrierte ein Jahr lang eine Kolumne für das Eltern Magazin, wurde aber jeden Monat neu dafür gebucht, selbst dass die Zusammenarbeit beendet war, merkte sie nur dadurch dass die Anfragen endeten. Ein großer Vorteil an Kolumnen, neben der schönen Regelmäßigkeit, ist es, stetig seine Verbesserung, sei es in der Stilistik oder an den Ideen, verfolgen zu können, da die Parameter immer die gleichen bleiben.

Kati sieht einen großen Vorteil darin unterschiedliche Stile zu bedienen. Sie kann je nach Auftragslage mit den verschiedenen Techniken spielen und ist den Kunden gegenüber breit aufgestellt. So hatte sie die Möglichkeit mit ihrem eher zeichnerischen Stil leisere Töne, wie es für das BISS Magazin nötig war, anzusprechen. Der Artikel mit dem schweren Thema über Eltern, die ihre Kinder verloren haben, erforderte einen sensiblen und respektvollen Umgang.

Die letzte Arbeit, die Barbara vorstellte, war ihre Masterarbeit und gleichzeitig ein Projekt für die Berliner Philharmonie: Eine Graphic Novel zur Oper Tristan und Isolde. Es machte ihr Spaß längere Zeit an einem Projekt zu arbeiten, stellte aber fest, dass ihr die schnelllebigen Editorial-Jobs eher liegen.

 

Editorial

Zusammenfassend stellten die beiden am Ende fest, dass die Editorial-Branche sehr kurzlebig ist. Das Gute daran sei, dass weniger liebsame Aufträge nach kurzer Zeit schon wieder beendet sind. Man kann Kunden auf der ganzen Welt haben und braucht nicht viel Ausstattung, sondern lediglich ein paar Arbeitsmaterialen, wie Zeichenutensilien oder einen Computer. Das heißt, dass man theoretisch von überall arbeiten kann, man aber auch den Nachteil hat, dass man flexibel sein muss, um gegebenenfalls auch während eines Urlaubs zu arbeiten. Möglicherweise steckt man, gerade zu Beginn der Karriere als Illustrator, viel mehr in den Job hinein, als man heraus bekommt.

 

Nachteile der Branche seien die Preise, die allmählich gedrückt werden und die immer wachsende Konkurrenz. Gerade durch das Internet ist jeder sehr präsent und die Auswahl groß. Jedoch kann man Social Media auch zu Werbezwecken nutzen, neue Jobs darüber generieren und es macht das Zusammenkommen mit den Kunden einfacher. Die stetige Präsenz eines Illustrators begünstigt ungesunde Arbeitszeiten. Am Anfang bedeutet es viel Mehraufwand und Lehrgeld. Der Illustrator sei schließlich ein Einzelkämpfer.

Daher sind Kati und Barbara froh darüber, Mitglieder des Kollektivs zu sein. Zwar hat jedes Mitglied mittlerweile seine eigene Karriere und gemeinschaftlich bringen sie kaum noch Publikationen heraus, aber jede profitiert vom Austausch mit den anderen. Sie können einander nicht nur wertvolles Wissen über Steuern, Kunden, Preise oder Ähnliches weitergeben sondern zum Teil funktioniert das Kollektiv auch als Multiplikator. Vor allem aber sind sie Freundinnen, die einander gerne helfen und die Übergänge zwischen Freizeit und Arbeit zerfließen lassen.