17.05.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35

Chris Campe

macht Handlettering

Chris Campe hat Handlettering zu ihrem Beruf gemacht. Dazu ist sie außerdem ausgebildete Buchhändlerin und hat Kommunikationsdesign in Hamburg und Paris studiert. Im Sommer 2014 hat sie sich in ihrem Büro „All Things Letters“ auf Schrift, Typografie und ALLES mit Buchstaben spezialisiert. Anfang 2017 erschien ihr Buch „Handbuch Handlettering“.

Auf 160 Seiten erfährt man alles über Lettering und viele Tipps zur Zeichentechnik. In Ihrem Vortrag an der HAW stellt Sie neben ihrem Buch auch ihren Lebensalltag als freiberufliche Kreative und ihre ganz individuelle Art der Kundenaquise vor.

 

Frage: Was bedeutet Dir Dein Beruf und was ist dieses „Lettering“ eigentlich wirklich?

Chris: Handlettering ist gezeichnete Schrift. Ich nenne sie auch immer illustrative Schrift, weil ich die Buchstaben erzählerisch einsetze und schon über ihre Form eine Bedeutung hinzufügen will, die über ihre reine Wortbedeutung hinausgeht. Lettering wird ja oft dazu verwendet, Sinnsprüche mit Schönschrift zu verzieren. Als ich das erste Mal für einen Auftrag gelettert habe, dachte ich; wie cool, das ist mein Job! Das ist schon ziemlich dicht dran an meinem Traum. Machen was man will! Machen was man will beginnt damit, dass man weiß was man will. Man braucht also eine klare Vorstellung, davon was man gerne hätte. Und was das Ausmalen angeht, ist man als Gestalterin natürlich echt im Vorteil.

Wir probieren das mal eben, also: Make a wish!

Wenn Ihr euch vorstellt wo ihr in fünf oder zehn Jahren seid – was hättet Ihr gerne?

Zu verschiedenen Zeiten hatte ich unterschiedliche Vorstellungen davon, was ich werden will: Lehrerin, Journalistin, Cooler Design-Hoschi etc. und heute möchte ich:

Möglichst viele gute Momente haben

Möglichst wenig mit Arschlöchern zu tun haben

Die Zeit und das Geld haben, möglichst viele meiner Ideen umsetzen zu können

 

Frage: Wie bist Du dahin gekommen und zu der Person geworden, die Du bist und ganz offensichtlich sein wolltest: mit einem Büro und Aufträgen, die Du auch wirklich machen möchtest?

Chris: So richtig begann es mit einer Sache, die ich schon immer haben wollte! Einen eigenen Raum, in dem ich arbeite und in dem Leute vorbeikommen können. Irgendwann habe ich diese Fotos vom Atelier von Russell Cobb gesehen, einem britischen Illustrator. Ich dachte: sowas will ich haben! So einen Raum. Aus diesem „Wollen“ habe ich dann schließlich „mein“ Büro entdeckt. Es liegt am Venusberg, oberhalb vom Portugiesenviertel, mit Blick auf den Michel. Drei Seiten Wand, eine Seite Glas. Von diesem Schaufenster habe ich am meisten profitiert! Denn neben einem Arbeitsraum, der auch ein Treffpunkt ist, wollte ich außerdem, dass die Leute mich anrufen, weil sie genau mit mir zusammenarbeiten wollen und durch mein Schaufenster konnte ich das erreichen. Ich habe viel geschnipselt und gebastelt.

 

Als ich neu im Büro war, lief gerade „Hands up, Baby Hands up“ im Radio. Ich stand über eine Schublade mit Pappbuchstaben gebeugt, Reste von einem anderen Projekt. Also habe ich es einmal ausprobiert und den Liedtext ins Schaufenster geklebt. Die Leute haben sofort gesungen. Dann einen anderen Text verwendet. Das hat wieder funktioniert! Nach dem dritten oder vierten Text war das Ganze nicht mehr nur ein kleiner Quatsch, sondern ein offizielles Projekt: Die Schaufensterkaraoke. Wenn man dreimal daran vorbei gekommen ist, erkennt man das Prinzip. Ultra populär, viele Nachbarn, Laufpublikum, Touristen. Zwei Kollegen meinten: Damit musst du auf Instagram! Das ist perfekt dafür. Da war es dann auch sehr beliebt. Das Schaufenster war ein großer Kommunikationsanlass. Es war am Ende so, wenn ich irgendwo hinkam und gesagt hab: „Ich bin Grafikerin und auf Schrift spezialisiert, ich hab ein Büro am Venusberg“. Kam als Antwort: „Ach, DU bist die mit den Buchstaben!“ Und wenn man „die mit den Buchstaben“ ist, rufen die Leute auch an und wollen, dass man ihnen Buchstaben macht! Hier werden verschiedene Dinge deutlich:

Es ist gut, an die Öffentlichkeit zu gehen

Man sollte Dinge tun, auch wenn man nicht genau weiß warum oder wozu

Side Projects können als Marketing dienen und klassische Akquise von Aufträgen ersetzen

Es ist immer gut, freundlich zu sein und mit den Leuten zu reden

 

 

Frage: Und wie kam es dann zu einem Buch übers Handlettering? Wodurch unterscheidet es sich von anderen Büchern über das gleiche Thema?

Chris: Ich habe zwei eigene Bücher gemacht, aber kleine Formate. Dann wollte ich mal ein „richtiges Buch“ machen! Ein Fachbuch: Das „Handbuch Handlettering“.

Wodurch unterscheidet sich mein Buch von anderen:

Es enthält sehr umfangreiche Erklärungen zu Schrift – aber im Hinblick auf Lettering unterscheidet es sich durch ausführliche Texte, die auch gut zu lesen sind. Es gibt absichtlich wenige Vorlagen zum Abzeichnen, dafür aber Vorstellungen der verschiedenen Schriftklassen: Renaissance Antiqua, Klassizistische Antiqua, Grotesk, Schreibschriften, Gebrochene Schriften, alle mit Beispielen. Ein paar Übungen aber nicht so bastelbuchig wie die meisten anderen Handlettering-Bücher. Ein weiteres Thema ist die Schriftanmutung. Womit wird welche Schriftart assoziiert? Denn dazu haben im Prinzip alle ein Bauchgefühl, sie wissen also zum Beispiel, dass zu einem Bauunternehmen keine englische Schreibschrift passt. Und dieses Bauchgefühl macht man sich beim Lettering zunutze. Dieser Teil hat am meisten Spaß gemacht!

 

Frage: Deine Projekte kommen dann durch Anfragen oder wie läuft das?

Chris: Ich werde oft gefragt: Boah, toll, wie machst Du das denn? Haben die dich gefragt?

Nee. Ich hab die gefragt. Ich hab eigentlich immer gefragt. Und fragen heißt meistens: Schreiben, Emails schreiben, Bewerbungen schreiben, Konzepte schreiben, Webseitentexte,

Bücher. Schreiben ist wichtiger als alles andere. Ich bin auch gut in Stipendienprosa – es ist doch faszinierend: zwei DINA4 Seiten Text für die Stipendienbewerbung haben mir erlaubt, zwei Jahren vollfinanziert in Chicago zu studieren und meinen Master zu machen. Und wenn ihr denkt, ihr könnt nicht schreiben, Schreiben ist auch ein Handwerk, man kann das üben, genauso wie man Zeichnen und Gestalten übt. Im Schreiben und Formulieren entwickelt man konkrete Vorstellungen und Bilder und die führen zu konkreten Ergebnissen.

 

 

Frage: Woher bekommst Du die Ideen zum Schaufenster und Deinen Texten?

Chris: Meine besten Ideen erkenne ich daran, dass sie von diesem Gefühl begleitet werden:
„Das müsste man mal machen, das wär doch so cool!“ Wenn man seine Ideen ernst nimmt und weiterverfolgt, können tolle Dinge entstehen. Vor meinem Büro habe ich vor zwei Jahren immer mal Freunde zum Feierabendbier eingeladen. Wir haben dann viel geredet und Ideen geschmiedet z.B. das Venusbergfest, ein Straßenfest direkt vor meinem Büro. Mit Michelattrappe – weil die Leute immer bei mir im Büro anklopfen und fragen:
„Entschuldigung, wo ist der Michel“ und ich antworten wollte: „Hier!“ Also einfach mal auf die Beine gestellt. Mit „Wer gehört zu wem?“-Hundequiz. Dabei mussten Fotos von Hunden, Herrchen oder Frauchen zugeordnet werden und natürlich – schön mit Lettering-Beschriftungen überall.

Übrigens auch da wieder:

Wieso machen Sie das?
Nur so. Weil ich gerne wollte, dass es das gibt!

Plötzlich kannte ich alle am Venusberg und die Nachbarn kannten sich untereinander besser. Es war ein total netter Tag. Also, ihr habt ja ganz am Anfang überlegt, was ihr gerne hättet. Mit diesem Vortrag möchte ich Euch daran erinnern, dass es Eure Party ist und Euch bitten, Eure Ideen und Wünsche ernst zu nehmen und Euch nicht entmutigen zu lassen. Das Venusbergfest zeigt, dass der Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit manchmal verschwindend gering ist. Und ihr als Gestalter seid in der Lage, diesen Unterschied zu überbrücken, denn ihr könnt Euch Dinge ausmalen und sie dann auch umsetzen. Ihr könnt die Dinge in die Welt bringen, die Euch in der Welt fehlen. Der Anfang ist immer ein Vorstellungsbild davon, was ihr gerne hättet und das Gefühl „Boah, das wär doch so cool!“

Ich wünsche Euch viel Spaß!