5.07.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35

Francesca Sanna

Cynthia Alonso

machen Kinderbuch

Im letzten Spezial-Material-Vortrag des Sommersemesters 2017 erzählten die beiden Illustratorinnen Francesca Sanna und Cynthia Alonso davon, wie ihr jeweils erstes veröffentlichtes Bilderbuch entstanden ist und was für unterschiedliche Wege sie dabei gingen.

Francesca Sanna stammt aus Italien und kam für ihr Masterstudium nach Basel, in die Schweiz, wechselte jedoch zum Abschluss des Studiums an die Hochschule für Kunst und Design in Luzern. Als Masterprojekt schrieb und illustrierte sie ihr erstes Kinderbuch „The Journey“, das vom englischen Verlag FlyingEyeBooks 2015 publiziert wurde. Für ihr Buchdebüt erhielt sie die Goldmedaille der amerikanischen Society of Illustrators und wurde mit dem spanischen Premi Llilbreter ausgezeichnet. Aktuell ist sie für den Deutschen Kinderbuchpreis nominiert.

Cynthia Alonso stammt aus Buenos Aires, Argentinien. Sie studierte an der örtlichen Universidad de Buenos Aires Design und unterrichtete dort für einige Jahre Typografie. Nach der 58. Jahresausstellung der Society of Illustrators wurden ihre Arbeiten auch in der Ausstellung der Kinderbuchmesse in Bologna 2016 gezeigt. Dabei handelte es sich um ihr erstes Bilderbuch, das gänzlich ohne Text auskommt, den Namen „Aquário“ trägt und welches 2017 unter dem portugiesischen Verlag Ourfeu Negro veröffentlicht wurde.

Im Vortrag beschrieben die beiden jeweils abwechselnd, wie sie die Geschichten und Inhalte für ihre Bücher gefunden und entwickelt haben, wie es zur Veröffentlichung kam und welche Erfahrungen sie daraus gezogen haben. Schon im Ansatz und in den Situationen, in welchen die beiden Bücher entstanden sind, gibt es große Unterschiede: Während Francescas Buch als Masterarbeit in einem akademischen Umfeld geplant und erarbeitet wurde, entsprang die Idee zu Cynthias Buch den Gefühlen einer Schaffenskrise und einer nachdenklichen Analyse ihrer eigenen Emotionen.

Als Francesca in die Schweiz kam, merkte sie, dass dort in einem anderem Ton über flüchtende Menschen und Immigranten geredet wurde als in Italien, wo das Thema Migration ihr schon vor 2014 häufig in Diskussionen in den Medien begegnete. Um den Zahlen, Daten und Statistiken eine persönlichere, menschlichere Perspektive gegenüberzustellen, beschloss sie, die Flucht zum Thema ihrer Masterarbeit zu machen. Ihre Recherche zu dem umfangreichen Thema führte sie zum Refugee Center in Basel, wo sie über vielen Tassen Kaffee unterschiedlichste Erfahrungen von der Flucht nach Europa kennenlernte, neue Bekanntschaften schloss und auch Freunde fand. Gerade wegen der mangelnden Sprachkenntnisse auf beiden Seiten – die Geflüchteten dort lernten Deutsch, während Francesca vorwiegend Italienisch und Englisch sprach – wurde das Zeichnen zu einem wichtigen Bestandteil der Kommunikation. Über die so entstandenen Skizzen und deren weitere Ausarbeitung versuchte Francesca Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen persönlichen Geschichten zu finden und jene Punkte herauszuarbeiten, welche ihr wiederkehrend wichtig und besonders ergreifend schienen.

Cynthia hingegen war in Argentinien mit dem Gefühl nicht voranzukommen und nur wenig kreativen Leuten in ihrem Umfeld zu begegnen auf sich gestellt. Sie begann zum Ausgleich  schwimmen zu gehen und fand in dieser fast meditativen Art der Bewegung neue Kraft, um sich mit ihrem Schaffen und ihren Emotionen auseinanderzusetzen.

In dieser Introspektion wurde Wasser zur Metapher für Inspiration und so tastete sie sich schreibend und zeichnend an eine zu Beginn recht abstrakte Geschichte heran, die sie dennoch unbedingt erzählen wollte. Über verschiedene Entwürfe eines Hauptcharakters und mögliche Situationen von Wasser in künstlichen und natürlichen Umgebungen kristallisierte sich ein Ablauf heraus: Ein Mädchen triff einen Fisch und nimmt ihn mit nach Hause, befreit in am Ende jedoch wieder. Ein sehr simpler Aufbau, der, nur in Bildern erzählt, den darin befindlichen Gefühlszuständen so viel Ausdrucksraum wie möglich geben soll.

Nach der Ideenfindung und Recherche folgte die Strukturierung der beiden Geschichten. Während Cynthia daran arbeitete, die Lesbarkeit ihrer textlosen Geschichte und ihre Ausdrucksfähigkeit in eine gute Balance zu bringen, legte Francesca für ihr Masterprojekt ein Storyboard an. Dabei besann sich Francesca für den Geschichtenanfang auf etwas, das all ihren Gesprächen mit Geflüchteten im Refugee Center  gemein war: Ein Konzept von Heimat und Zuhause, welches auf einmal nicht mehr sicher ist; auf den Zeitpunkt an dem es so unsicher ist, dann man beschließt zu gehen. Um ihre Erzählung maximal anknüpfungsfähig zu machen, entschied sich Francesca, den Bezug auf eine konkreten Zeitpunkt oder ein bestimmtes Land zu vermeiden, und auch die Charaktere ihrer Geschichte unbenannt zu lassen, um Assoziationen zu konkreten Kulturen auszuschließen.

Der nächste Abschnitt des Vortrags befasste sich damit, wie aus den gesammelten Eindrücken und der anschließend erarbeiteten Struktur für eine Geschichte zwei bebilderte Bücher entstanden.

Francesca beschäftigte die Frage des Text-Bild-Verhältnisses: Inwiefern sollte das eine das andere unterstützten oder eine parallele Geschichte erzählen? Und inwiefern ließen sich Text und Bild stilistisch verschränken? Mittel wie Metapher, Personifikation, Hyperbel, Anakoluth etc., die einen Text interessanter oder poetischer klingen lassen, wollte Francesca auch in ihrer Bildsprache zum Einsatz bringen, zum Beispiel durch die gezielte Verwendung fantastischer Elemente wie unwirkliche Größenunterschiede und monströse Figuren.

In der Einfachheit und Reduktion auf das Bildliche von Cynthias Buch spielt vor allem Farbe eine herausragende Rolle. Durch Farbe werden bei ihr wichtige Elemente und Momente hervorgehoben. Sie arbeitet mit Wiederholungen, um zeitbezogen zu erzählen, macht darüber aber auch die Obsessionen und das Verlangen der Figur in ihrer Geschichte deutlich. So hat jedes Bilddetail bei ihr seinen ganz bestimmten Platz im dichten Gewebe; in der Atmosphäre ihres Buches.

Beide Illustratorinnen machten die Erfahrung, dass ein Buch nach der Veröffentlichung häufig seinen eigenen, unvorhersehbaren Weg geht. Das Thema Flucht geriet in dem Jahr, in welchem Francescas „The Journey“ veröffentlich wurde, durch die Krise in Syrien plötzlich zu breiter Aufmerksamkeit. Bei „Aquário“ hingegen wird jeder Leser, unabhängig vom Zeitgeschehen, zu seinem eigenen Erzähler, indem er oder sie darin persönliche Deutungen und Interpretationen findet. Interessanterweise lässt das Wasser und das Freilassens des Fisches am Ende viele in dem Buch einen Umwelt-Aspekt lesen, welchen Cynthia eigentlich gar nicht zu erzählen glaubte.

Den Abschluss des Vortrags bildete die Öffnung für Fragen aus dem Publikum. Neben interessierten Erkundigungen über die Maltechnik, gab es Nachfragen zu Verlegern und Buchmessen sowie den Unterschieden zum Arbeiten in verschiedenen Ländern. Besonders ermutigend dürfte hier vor allem der abschließende Rat der Referentinnen gewesen sein, sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen. Sich mit Freunden und Kollegen zu umgeben, welche die eigene Arbeit schätzen und deren Arbeit man selbst hochachtet. Arbeitskontakte zu Kunden und Erfahrungen freimütig zu teilen, statt sich vor lauter Wettbewerb abzugrenzen. Stets in Bewegung zu bleiben, sich an keinen Ort zu binden, zu reisen, und an Wettbewerben oder Märkten teilzunehmen, um sich präsentieren und auch um in weniger arbeitsintensiven Zeiten neuen Input zu suchen. Und schlussendlich, dass es sich lohne, Zeit und Aufwand zu investieren, um den richtigen Verleger für das eigene Buch zu finden.