31.05.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35

Max Baitinger

macht Comic

Max Baitinger ist ein Comiczeichner und freischaffender Illustrator, der seinen Abschluss in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gemacht hat. Er veröffentlichte seine Diplomarbeit „Heimdall“ sowie sein zweites Buch „Röhner“ bei Rotopol. Am 31.05. kam er im Rahmen seiner Lesetour an die HAW. Im Ditze-Hörsaal las er aus seinem neuen Buch „Birgit“ das jüngst bei Reprodukt erschienen ist und anschließend aus seinem neuen Projekt „Magnets“...

Max Baitinger ist ein Comiczeichner und freischaffender Illustrator, der seinen Abschluss in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gemacht hat. Er veröffentlichte seine Diplomarbeit „Heimdall“ sowie sein zweites Buch „Röhner“ bei Rotopol. Am 31.05. kam er im Rahmen seiner Lesetour an die HAW. Im Ditze-Hörsaal las er aus seinem neuen Buch „Birgit“ das jüngst bei Reprodukt erschienen ist und anschließend aus seinem neuen Projekt „Magnets“.

Birgit ist eine langjährige Verwaltungsfachangestellte die sich mit ihrer neuen Vorgesetzten konfrontiert sieht. Dann packt Birgit, unvermittelt aber ruhig, ihre Habseligkeiten und verlässt ihren bisherigen Alltag.

Max Baitinger trug diese beiden Geschichten auf erfrischende und humorvolle Weise, musikalisch begleitet, vor. Nachdem das Publikum dann ausgiebig lachend beide Geschichten verfolgt hatte, erlaubte die Zeit noch einige Fragen an den Künstler zu richten.

Frage: Was mich bei deinen Arbeiten fasziniert, das habe ich das erste Mal bei „Röhner“ entdeckt ist dass du schöne, visuelle Übersetzungen zu abstrakten Gedanken, einem Gefühl oder einem komplexen Sachverhalt findest. Wie sieht deine Methode aus, die von einem abstrakten Konzept zu einem Bild führt?

Max: Also es gibt da schon den Drang, stark zu abstrahieren und zu gucken wie weit es geht und wann man das Bild noch erkennt. Im Studium habe ich mich sehr lange in dem Bereich bewegt wo niemand wusste was das darstellen sollte. Im Comic habe ich ja den Vorteil, dass ich den Text noch habe. Ich kann einfach behaupten, dass irgendein abstrakter Gegenstand das ist was in diesem Satz steht. Ich versuche die Eigenschaften eher mit Bildern darzustellen und die Adjektive durch Bilder zu ersetzen. Wie genau der Prozess aussieht, das ist schwer zu sagen. Ich hab manchmal Wortfetzen oder Satzfetzen von den Inhalten und kleine Skizzen. Ich arbeite sehr collagenartig, ich zerschneide Texte und Skizzen, ich kopiere sie mir aus den Skizzenbüchern. Dann habe ich so ein paar Fetzen auf meinem Schreibtisch liegen die ich dann kombiniere so dass es Sinn macht oder ich abstrahiere noch weiter mit Skizzen oder Umformulierungen. So in der Art läuft das ab.

 

Frage: Deine Arbeit hat eine starke Konzentration auf der inhaltlichen und der Bildebene. Wie lange arbeitest du an den Sachen, ist das reine Kopfsache oder eher ein hin- und herschieben?

Max: Sehr zentral für meine Arbeit ist ein Skizzenbuch, ich hab immer ein Buch dabei wo ich irgendetwas notieren kann. Das sind dann nicht einmal Skizzen sondern einfach Notizen die ich sammle, ich versuche einfach relativ fix etwas aufzuschreiben oder zu zeichnen.

Bei Geschichten wie „Röhner“ und auch „Birgit“ waren es Situationen die ich selber im Alltag erlebt habe oder mir Leute erzählt haben. Das habe ich mir notiert und sobald diese einzelnen Geschichten einen Zusammenhang oder eine Idee ergeben, dann puzzle ich daraus eine Erzählung.

Besonders bei Birgit, an dem ich ungefähr ein halbes Jahr gearbeitet habe, ging das erst los als ich eine Vorstellung davon hatte welche Situation ich weiter ausbauen könnte. Bei dieser Angestellten-Chefinnen-Situation habe ich gemerkt, dass sie viel hergibt. Darüber wusste ich schon viel durch Erzählungen von Leuten aber auch aus eigenen Erfahrungen. Wenn ich dann merke, dass ich diese Erzählungen verbinden kann, setze ich mich hin und schiebe diese Szenen und Fetzen zusammen und schaue ob eine Geschichte entsteht.

„Magnets“ war ein Fundstück auf youtube mir war klar daraus könnte ich ein 32-seitiges Heft machen. Da habe ich mir zunächst ein InDesign-Dokument angelegt auf dem ich dann den Text verteilt habe, danach ging das Illustrieren sehr schnell. Das ist dann eine andere Arbeit als eine eigene Geschichte zu verfassen, es ist weniger gepuzzelt. Das Illustrieren hat dann nur 3-4 Wochen in Anspruch genommen.

 

Frage: Du hast ja jetzt viel über den Plot gesprochen, wie du diesen baust, aber da gibt es auch noch die grafische Ebene. Kommt das dann automatisch oder ist die Methode da ähnlich, dass du viele Skizzen hast und zusammenfügst?

Max: Es ist so, dass ich Bilder in einem skizzenhaften Format wieder und wieder zeichne, mit jeder Skizze kommt etwas Neues hinzu. Ich kann kein Bild komplett identisch neu skizzieren.

Die Bildfindung ist schwierig zu beschreiben, bei „Birgit“ wollte ich Kontraste setzen mit verschiedenen Bildästhetiken. Dann gab es da noch diesen Peter Bruegel Bildband auf meinem Schreibtisch, dem ich einige Landschaftsaufnahmen entnommen habe. Ich hab das dann versucht in meinen Strich zu übersetzen und gegen geometrische und reduzierte Formen zu setzen.

In einem Comic gibt es ja zwei verschiedene Textebenen und da kann ich auch mit zwei verschiedenen Bildebenen illustrieren.

Dieser Band von Bruegel war auch der Anstoß zu der Vorsatzillustration, gleichzeitig hatte ich auch diesen Bildwörterbuchduden von 1991, das ist eine Ausgabe die nur mit Strichzeichnungen illustriert ist. 600 Seiten voller Strichzeichnungen von räumlichen Ansichten und lustigen Gegenständen, das ist sehr inspirierend. Daraus zieh ich auch Einiges.

 

Frage: Mich würde nun interessieren wo du zeichnerisch herkommst und wie du dich entwickelt hast. Hast du früher detaillierter gezeichnet oder sogar noch abstrakter? Wie hat sich das heraus kristallisiert und wie lange hat das gedauert?

Max: Ich hab schon vor dem Studium gezeichnet, zum Beispiel für so eine kleine lokale Zeitung. Da habe ich Zeichnungen gemacht aber eigentlich eher Sachen imitiert oder gemacht was ich irgendwo schon gesehen habe. Ich bin mit Asterix und Lucky Luke aufgewachsen.

Im Studium wurde das dann intensiver, aber ich hatte erst gar nicht vor Comics zu zeichnen. Mit der Hochschulbibliothek ging es dann los, da sah ich Comics von Chris Ware und Robert Crumb. Damals habe ich viel detailreicher gezeichnet aber auch technisch mehr ausprobiert. Mit der Diplomarbeit ging die Reduktion los, es war eine gestalterische Entscheidung. Zur der Zeit fand ich Comics manchmal sehr überladen, die Gesamtseite hat mir als Bild meist weniger gefallen. Spätestens bei „Birgit“ war mir wichtig, dass ich die Doppelseite als Komplettbild begreife. Damit beim Durchblättern nicht der Eindruck entsteht, dass die Seiten nicht zusammenpassen. Das ist immer das erste was ich sehe bevor ich anfange zu lesen, die Doppelseite.

So habe ich angefangen die Inhalte zu strukturieren, ich erzähle auf dieser Doppelseite dies und auf der nächsten Doppelseite jenes und nicht zu viel auf einmal. Ich versuche Inhalte auch nicht durch einen Seitenumbruch zu trennen, sondern eher es dann noch mehr zusammenzufassen.

 

Frage: Dein Stil erinnert mich an Jimmy Corrigan sowas habe ich auf dem deutschen Markt noch nicht gesehen. Der deutsche Markt ist in meinen Augen eher konservativ. Wie erlebst du den deutschen Markt? Gibt es da einen bestimmten Stil oder Bewegung?

Max: Ich sehe es gar nicht so innerhalb von Landesgrenzen für mich waren und sind europäische Comics im Allgemeinen sehr wichtig. Besonders bei finnischen und auch französischen Comics gibt es eine wahnsinnige Bandbreite, daran habe ich gesehen dass man es eben auch ganz anders machen kann als ich es kannte. Ich bin da fast zu wenig umtriebig als dass ich sagen könnte in Deutschland ist es so oder in den USA so. Es gibt diesen Begriff vom Alternativen Comic. Darunter fällt auch das Meiste was ich auf den Festivals sehe, wenn ich auf Festivals bin.

Alles was sich auf Comic-Cons abspielt oder was du eher konservativen Comic nennst, das taucht gar nicht auf meinem Schirm auf. Aber Verlage wie Rotopol machen auch experimentellere Sachen und Reprodukt auch. Es gibt nur nicht so viele Verlage in Deutschland.

 

Frage: Gibt es da eine Struktur, kann man davon leben?

Max: Nein die gibt es nicht. Ein Buch zu veröffentlichen und dann beim Verlag Einnahmen zu teilen und allein davon leben zu können – sowas gibt es fast nie.  Da müsste man schon sehr viele Bücher verkaufen. Es gibt noch ganz andere Sachen die mit dem Büchermachen verbunden sind, zum Beispiel Lesungen. In der Literaturszene kannst du auch nicht darauf abzielen von den Buchverkäufen zu leben, sondern du gehst auf Reisen mit dem Buch und machst Lesungen. Durch diese Lesungshonorare kann man etwas extra Geld bekommen. So sehe ich das, man muss aus dem fertigen Buch wieder etwas machen. Viele geben auch Comicworkshops, das ist sehr verbreitet.

Aber wenn du nur Bücher machen und davon leben willst, muss der Absatz schon relativ hoch sein.

 

 

 

Website von Max Baitinger: www.maxbaitinger.com

Birgit ISBN 978-3-95640-122-0, 48 Seiten, farbig, Reprodukt, 2017