29.11.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Anne Vagt

macht Illustration & Kunst

Neben ihrer zeichnerischen Arbeit umfasst Anne Vagts künstlerische Tätigkeit auch die Publikation von Künstlerbüchern und Zines, kollaborativen Wandbildern sowie Installationen und Performance.
Anne Vagt studierte an der HAW Hamburg, in Minneapolis und in New York.
Seit 2009 illustriert sie für eine Vielzahl von Zeitungen, Magazinen und Institutionen und war bis 2014 Mitglied im Zeichnerinnen-Kollektiv Spring.
Des Weiteren werden ihre Arbeiten auf internationalen Ausstellungen gezeigt.
Anne gibt einen spannenden Einblick in ihre assoziative künstlerische Herangehensweise bei Auftrags- und freien Arbeiten.

Auftragsarbeiten

Das Wesentliche bei der Auftragsarbeit ist, sagt Anne, dass es ein Gegenüber gibt, mit dem man zusammen arbeitet. Im besten Falle kennt der jeweilige Bildredakteur oder Artdirektor, die eigenen Arbeiten und weiß die Stärken gut einzuordnen. Optimal ist das Ergebnis später so, dass die auftraggebene Seite das bekommt was sie sich vorgestellt hat und Anne sich auch damit identifizieren kann. Aber natürlich verläuft nicht jede Zusammenarbeit optimal bzw. gibt es auch Ergebnisse, mit denen man als Illustrator weniger glücklich ist, als mit anderen. Auf der Suche nach Arbeiten für den Vortrag ist Anne aufgefallen, dass manche frühere Aufträge nicht in die Kategorie passen, in welcher sie sich heute noch gut damit identifizieren kann. Aber natürlich gibt es auch die positiven Aufträge und davon folgt nun eine Auswahl, eingeteilt in bestimmte Bereiche. Den ersten Bereich nennt Anne – akademisch „Bunte Bilder“ -. Während des Studiums hat Anne vor allem narrativ gearbeitet und danach wurden Ihre Arbeiten grafischer und abstrakter. Sie zeigt Arbeiten für Chalet, ein Magazin aus New York, für welches Sie Variationen rund um das Thema „Fahrrad“ geschaffen hat.

Es sind mehrere Doppelseiten und Einzelseiten, auf welchen es Anne um eine spielerische, assoziative Herangehensweise an das Thema ging. Danach zeigt Anne einen Auftrag für Zeit Campus, wofür sie eine ganzseitige Illustration gemacht hat, bei welcher es sich um eine etymologische Untersuchung von Bankern handelt. Dann zeigt sie Layout-Beispiele, stark farbige Motive, welche, wie Anne sagt, „Pfeffer haben“. Es handelt sich um Initialen, welche den Anfang der Kapitel in einer Zeit Campus Ausgabe bilden. Ein zweiter großer Bereich, welcher im Laufe der Zeit für Anne immer wichtiger und dominanter geworden ist, ist der handgezeichnete Text. Das erste Beispiel hierfür ist ein Heft von Emotion, in welchem es um die fünf Stationen der Liebe ging.

Für jedes der fünf Kapitel, hat Anne einen Brief entworfen, welcher von einem Beziehungspartner an den anderen geschrieben wird, was gut ankam. Anne hat dafür auch die humorvollen Texte geschrieben. Und auch wenn es sich hier elegisch ausnimmt, geht es nicht um eine Schriftgestaltung, sondern um Handlettering. Es geht Anne um eine undekorative Nichtgestaltung. Die nächste Arbeit stammt aus dem Strappazin, für welches Anne die Möglichkeit erhielt, zum Thema „Kontaktanzeige“ etwas zu entwerfen.

Nachdem eine Kontaktanzeige geschaltet wurde, hat Anne ein Antwortschreiben bekommen, welches sie dekonstruiert hat. Das Ergebnis entspricht eigentlich genau Annes Arbeitsprozess. Man beginnt, probiert, streicht durch und steigert sich in der Heftigkeit. Als nächstes geht es um das Element „Abstraktion“ in Annes Arbeiten. Als Beispiel zeigt sie einen Auftrag für die Brand Eins, wo es um „liken (netzwerken) oder forschen (sich auf sein Kerngebiet konzentrieren)“ ging. Anne hat, das Netzwerken mit einer Bubbleblase und das Forschen als einen isolierten Kreis, dargestellt. Das zweite Beispiel ist wieder für Zeit Campus und spielt mit System und abstrakter Handlungsweise über Entscheidungsprozesse, für welchen Anne einen Schulbuch-Look verwendet.

Als nächstes zeigt Anne einen Auftrag für die Emotion , in welchem es um Beziehungskonstellationen ging. Anne benutzt dafür die Tangram-Form (ein chinesisches Legespiel) plus Text. Für Die Zeit  hat Anne ein Tagebuch zum Thema Missbrauch gestaltet, wobei es für den Auftraggeber wichtig war, dieses emotionale Thema abstrakt zu lösen. Der nächste Formenkomplex sind die Entscheidungsbäume, zu welchem auch Infografiken gehören. Das erste Beispiel ist für die Zeitschrift Novo, ein Test zu der Frage „Wie verschwenderisch sind Sie?“. Etwas ähnliches hat Anne für die Münchner Redaktionsagentur Nansen & Piccard  gemacht. Der Aufbau kam von der Agentur und Anne hat es gestalterisch umgesetzt mit Icons und assoziativen Mini-Illus, was ihr großen Spaß gemacht hat. Der nächste Auftrag für Die Zeit  ist eine Art Wahl-O-Mat, wobei auch hier Humor wichtig war. Für ein Stadt-Porträt für Montreal hat Anne Infos aus einem Essay gefiltert und hat assoziativ ein lustiges Diagramm geschaffen. Anne war Mitglied von Spring  und hat ein Vorwort für die Jubiläumsausgabe gestaltet. Für Impulse entstand die nächste Arbeit zum Thema „Deep Tech“, eine collagehafte, scribbleartige Seite. In Bologna hat Anne eine Theater-Tür bemalt und hat nach einem Gespräch spontan die Tür bekrizzelt.

Freie Arbeiten

Den zweiten Abschnitt ihres Vortrages fasst Anne Vagt unter dem Oberbegriff „Freie Arbeiten“ zusammen. Anne bevorzugt das selbstbestimmte gegenüber dem auftragsbasierten Arbeiten. Das Zeichnen ist für Anne vor allem ein Existenzbeweis, ein „gestischer Ausdruck ihrer selbst“ jenseits der Absicht von allen verstanden zu werden. Wie auch in den Auftragsarbeiten zeichnet sich ihre freie Arbeit durch eine spontane, assoziative Herangehensweise aus. Anlass für inhaltliche Fragen sind für sie oft unscheinbare äußere Eindrücke, denen gegenüber sie sich bemüht bewusst aufmerksam zu sein.

Daran anschließend zeigt Anne in ihrer Präsentation eine Auswahl an Fundstücken, Zetteln und Fotos. Diese einzelnen, scheinbar nebensächlichen Bild- und Textausschnitte erhalten für sie durch bestimmte ästhetische oder emotionale Aspekte persönliche Relevanz. Ihr Interesse gilt dabei ebenso dem Prächtigen, Wertvollen sowie dem Billigen, Kitsch und Zerbrechlichkeit. Die Schwächen und Empfindlichkeiten der Menschen machen diese für Anne erst interessant und liebenswert. Sie beschreibt das bewusste Zeigen der eigenen Schwächen als einen wichtigen Teil ihrer Arbeit. Ihre Zeichnungen beinhalten häufig skizzenhafte oder durchgestrichene Elemente die diesen Ansatz verdeutlichen. Als Beispiele ihrer freien Arbeit präsentiert Anne unter anderem die Serie an Zeichnungen „Magdebuch Tagebuch“, die im Rahmen einer Ausstellung auf Pappschachteln vor Ort entstanden sind. In ihrem Buchprojekt „Beginners“ setzt sie sich inhaltlich mit verschiedensten Formen von Anfängen auseinander. Die teils naiven Zeichnungen spielen für sie persönlich auch mit einem gewissen Mut und Dreistigkeit im Umgang mit Zeichnung. Des Weiteren zeigt Anne eine Sammlung von Textarbeiten sowie die Serien „Activity Center“ und „Spielfelder #2“, in denen sie sich zeichnerisch mit dem Thema Spiel beschäftigt und heitere Leichtigkeit mit Momenten von Bedrohung und Stabilitätsverlust kontrastiert. In diesen Serien treffen geometrische Formen und Symmetrie auf zarte Aquarellfarben, welche die inhaltliche Spannung formal verstärken.

Ihren Vortrag beendet Anne mit einem kurzen Einblick in ihre neusten Arbeiten, die sich für sie insbesondere durch die Verwendung neuer Materialien und dem Arbeiten auf Leinwand auszeichnen.

Auch in diesen ist die bewusste Offenlegung von Unsicherheiten ein zentrales Thema und stellt dem „seriösen Bildträger“ Leinwand profane Dinge, wie etwa Zeitungsausschnitte, Klebeband u.ä., gegenüber. Für weitere Einblicke und kommende Projekte von der tollen Anne geht auf: www.annevagt.com