30.05.2018

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Brecht Vandenbroucke

macht Comic

Der belgische Comiczeichner Brecht Vandenbroucke (*1986), bekannt in Deutschland durch seinen Comic "White Cube", lässt uns am 30. Mai im Spezial Material-Vortrag in seine skurrile, witzige und farbenprächtige Comicwelt eintauchen. Seine Werke zeigen uns mit ihrem wunderbar bitterbösen, schwarzen Humor die Probleme unseres alltäglichen modernen Miteinanders.

In Vandenbrouckes Comics gibt es keine Unterscheidung zwischen Low- und High-Art. Seine bizarren Charaktere und die grausam-fröhliche bunte Welt bekommen anhand von Narration, treffsicheren Beobachtungen und beißendem Witz ihre Berechtigung.

Brecht Vandenbroucke studierte Illustration an der Kunsthochschule St-Lucas in Gent, heute lebt und arbeitet er in Antwerpen.

„…it isn’t really about me. It’s about the world we live in and about the tensions between people.“

(Brecht Vandenbroucke im Interview mit lodownmagazine)

Der belgische Comiczeichner Brecht Vandenbroucke (*1986), bekannt in Deutschland durch seinen Comic „White Cube“, lässt uns am 30. Mai 2018 im Spezial Material-Vortrag in seine skurrile, witzige und farbenprächtige Comicwelt eintauchen. Seine Werke zeigen uns mit ihrem wunderbar bitterbösen, schwarzen Humor die Probleme unseres alltäglichen modernen Miteinanders.

In Vandenbrouckes Comics gibt es keine Unterscheidung zwischen Low- und High-Art. Seine bizarren Charaktere und die grausam-fröhliche bunte Welt bekommen anhand von Narration, treffsicheren Beobachtungen und beißendem Witz ihre Berechtigung.

Seine Bildwelten zeigen unter anderem Einflüsse von Mark Beyer, ATAK, Charlotte Solomon, Topor, Henry Darger, David Shrigley, Daisuke Ichiba, Glen Baxter, Disney und der Popkultur der 90er.

Brecht Vandenbroucke studierte Illustration an der Kunsthochschule St-Lucas in Gent, heute lebt und arbeitet er in Antwerpen.

Brechts Werdegang und beständiger Schaffensdrang
Zu Beginn seines Vortrags erzählt Brecht davon, wie er und sein Bruder als Kinder einmal eine Nacht lang heimlich aufblieben, und mit Wachsmalstiften alle Wände in einem Zimmer ihres Hauses anmalten. Seine Eltern waren zwar sauer, behielten aber die Malereien an den Wänden. Das Zeichnen war schon damals wichtiger Teil in Brechts Leben und der Drang nach Kreation immer eine Notwendigkeit.

Als Kind wuchs Brecht auf einem Bauernhof auf. Über seine älteren Brüder kam er in Kontakt mit der damals aktuellen Popkultur – vor allem Monsterkreaturen interessierten ihn sehr, und er setzte seine Einflüsse in seinen Kinderzeichnungen um, zeichnete zum Beispiel mit sechs Jahren einen 100-seitigen Horrorcomic, sowie unzählige weitere Kurzcomics. Er und seine Brüder kreierten als Kinder ihre eigenen monatlichen Magazine, die miteinander konkurrierten. Brecht lacht darüber, wie viel Druck sie sich damals als Kinder bereits eigenständig auferlegten, um die erfundenen Deadlines einzuhalten.

Brecht ging auf eine kunstbetonte Schule. Als er 12 Jahre alt war, lernte er dort u. a. Nähen und Textilarbeit. Von seinem 14. bis zu seinem 18. Lebensjahr experimentierte er viel mit Collagen. Die Zeichnung rückte etwas mehr in den Hintergrund, und seine Perspektive dazu, was Kunst sein und erreichen kann, öffnete sich sehr. Max Ernst war in dieser Zeit ein großer Einfluss, und dessen schnelle Art, Surreales in eine Arbeit zu bringen, inspirierte ihn zu eigenen Arbeiten. Mit 17 kombinierte er dann seine Collagen mit Zeichnungen. Da er selbst seine Zeichnungen zuweilen als unreif empfand, war die Collage ein technisch guter Weg, jedes gewünschte Bild zusammenzustellen, und auch schnell wieder zu verändern.

Heutzutage nutzt Brecht immer noch gern die Elemente und das Denkkonstrukt der Collage. Brecht betont, dass das für ihn die Art ist, wie »Kultur« grundlegend funktioniert: Jeder sieht Dinge, wird beeinflusst, saugt sie auf und remixt sie mit eigenen Ideen zu neuen Kreationen.

Sein Studium absolvierte Brecht in St. Lucas in Ghent. Die klaren Linien der franko-belgischen Comics waren eine große Inspiration für ihn und hielten ihn an, wieder öfter – und streckenweise sogar obsessiv viel – zu zeichnen.

Sein erstes Zine, »Horror Vacui«, behandelt die Angst vor der Leere – als Übung füllte er die Seiten mit simplen grundlegenden Zeichnungen, erstellte Kompositionen, vermischte alles, dachte viel über jede einzelne Linie nach. Zeichnen bedeutet für ihn vor allem, immer und fortwährend Entscheidungen zu treffen. Jede Linie kommuniziert etwas. Diese meditative Art, die Seiten zu füllen, war für Brecht wie ein Sieg über die Angst, eine neue Zeichnung auf einem leeren Blatt anzufangen.

Entwickeln der eigenen visuellen Welt
Nach dem Studium begann Brecht, eigene Charaktere zu entwerfen, um seine eigene Bildwelt zu erfinden. Unter anderem entwickelte er seine Backstein-Figur BRICKMAN, die ihren Weg in verschiedene Medien fand: Postkarten, Illustrationen, T-Shirts, Comic, Mode oder Skulptur. Brickman reflektiert für ihn die schon genannte Idee von Kultur: etwas Neues aus etwas schon Existierendem zu bauen. Brickman fand zum Beispiel seinen Weg in eine Brüsseler Ausstellung, als riesige Skulptur, die Brecht als Experiment eigenhändig baute. Er entwarf außerdem eine Brickman-Actionfigur, und mit Klaus Rombolare einen weichen Brickman-Mantel.
(Bild Brickman Ausstellung)

Als weitere Inspirationen Brechts, die ähnlichen Ideenkonzepten von Remix, Rekreation oder Surrealismus folgen, nennt er Magritte, Eduardo Paolozzi oder auch Arcimboldo.

An Magritte fasziniert ihn die Klugheit der klaren Ideen und die Form, die Magritte für diese findet: es sind keine Cartoons – die Bilder sind poetisch. Ihm gefällt, dass die Idee im Vordergrund steht. Ein weiterer Einfluss Brechts sind die stark ideenbasierten Zeichnungen David Shrigleys.

Brecht fing außerdem an, mehr zu malen. Er zeigt uns sein erstes Bild, dass er für gelungen empfand: eine Utopie – aber genauer betrachtet ist in dieser Utopie offenbar vieles gestellt, ein »Fake«.

Fokus auf Ideen
Vor jeder Geschichte, jedem Comic, jeder Zeichnung stellt er sich die Frage, was ihn gerade besonders interessiert, oder visuell fasziniert. Er erstellt Moodboards, und selbst, wenn er noch keine Idee hat, kann er anfangen, wie in »Horror Vacui« einige Elemente aus seinen Auflistungen zu zeichnen, auf die er gerade Lust hat. Im weiteren Verlauf wählt er dann einzelne daraus aus, und entwickelt um sie herum eine Narration.

Brecht begann, sich mehr auf bloße Ideen zu fokussieren, und kombinierte dabei stets Bild und Text (Text: oft auch nur einen Satz). Da er inzwischen zu mehr Selbstbewusstsein in der Zeichnung gefunden hatte, war die Hauptfrage nun eher »Was will ich eigentlich mit meinen Bildern kommunizieren?«

Für Brecht ist Illustration = Kommunikation. Illustration versucht eine Idee zu vermitteln und Gefühle zu erzeugen. Man versucht, dass ein Betrachter das Gleiche fühlt wie man selbst als Kreateur. Um dies zu schaffen, muss man zuallererst die Werkzeuge dafür unter seine Kontrolle bringen und viel Wissen über Techniken, Farben, Story-Strukturen, Malerei oder Komposition ansammeln. All dieses eher zielgerichtete Lernen passierte bei Brecht erst nach seinem Studium, welches für ihn selbst noch keine so fertige Zielrichtung enthielt.

Nach einer Weile realisierte er, dass Text nicht immer notwendig zur Erklärung einer Idee ist. Die Zeichnung allein kann reichen, um die jeweiligen Ideen zu zeigen oder Emotionen zu wecken. Ihn interessieren die »in-between-emotions«: »a laugh away from a tear«. In vielen seiner folgenden Bildern arbeitet Brecht mit starken visuellen Metaphern.

An Hergé fasziniert Brecht, wie sehr dieser seine Arbeit dokumentierte. Vor einem Projekt sammelt Brecht stets Referenzmaterial, macht Collagen, Moodboards. Er ist im Prinzip ständig am Sammeln von Material. Laut ihm muss man manchmal Referenzen zu realen Dingen gerade deshalb sammeln, weil man etwas Surreales erschaffen möchte: Ohne überzeugende Realität ergibt sich keine Surrealität. Brecht ist fasziniert von dieser unklaren Grenze zwischen echten und unechten Welten. Die Welt der Spielzeuge bringt ihn zum Beispiel dazu, seine kindliche Neugier nicht zu vergessen.

Beeinflusst von Videospielen der 90er
Brecht wurde 1984 geboren und hat als Kind die erste Generation von Videospielen durchlebt. Beim Spielen pausierte er manchmal, um Game-Charaktere abzuzeichnen. Durch diese Kindheitsvorlieben sind unter anderem seine Pixel-Malereien entstanden.

Bezug zur Gegenwart: das Comic „White Cube“ (2013)

Brecht Vandenbroucke kombiniert gern high- und low art. Es gibt hier für ihn keinen klaren Kern oder Grenzen. Aus diesem Grundprinzip heraus ist auch sein Buch „White Cube“ (2013) entstanden. Für Brecht ist es wichtig, seinen Blick auf die Gegenwart zu zeigen. Im Buch tauchen zwei Charaktere auf, die zu Kunst-Ausstellungen gehen und sich dort ungewöhnlich benehmen. Sie bewerten Kunstwerke mit einem »Daumen hoch oder unter«, hängen abstrakte Bilder falsch herum, und spielen das aufgeblasene „Kunst-Spiel“ nicht mit. Sie bewegen sich »über« den Spielregeln, enthüllen die Blase und falsche Autoritäten in der Kunstszene. Für sie gibt es kein gesellschaftliches Tabu: Sie sind gemein zu Kindern, gießen Farbe über Rollstuhlfahrer. Diese politisch unkorrekten Verhaltensweisen zeigt Brecht auf leichte, spielerische Art. Er betont, dass er nicht beurteilen will – die Charaktere laufen einfach durch eine postmoderne Landschaft.

Brecht nimmt nur Aufträge an, bei denen er ziemlich frei zeichnen kann. Er nutzt oft seine eigene Charakterwelt, seine eigenen Kunstelemente.

Fragen aus dem Publikum

Wie großformatig zeichnet er?
Brecht zeichnet relativ klein. Dies stammt von der Gewohnheit aus der Kindheit, als er auf dem Küchentisch gezeichnet hatte. Normalerweise arbeitet er in DIN A3-Grüße, so dass er leicht scannen kann, höchstens in A2.

Wie kann man damit Geld verdienen?
Brecht ist zum Zeitpunkt des Vortrags 32 Jahre alt. Mit 20 auf MySpace hat er damals angefangen, im Internet eigene Werke zu veröffentlichen. Er macht keine spezielle angefertigten Arbeiten für Internet oder Social Media. Er ist in dieser Hinsicht schüchtern, aber er versucht, offen zu sein. Brecht sieht keine klare Trennung oder Grenze zwischen den Kunstmedien. Er interessiert sich z.B. für Mode. In Sachen Job-akquise geht er schon davon aus, dass z.B. Art-Direktoren von FIrmen den Künstlern oft bei instagram folgen und sie dort ansprechen.

Digital vs. Analog
Er zeichnet viel analog und scannt dann. Mit Ebenen arbeitet er ein bisschen digital aber das ist schon fast alles.

Memes
Brecht macht die Erkenntnis Spaß, dass es so viele lustige Menschen auf dieser Welt gibt. Leute mit ganz normalen Jobs, die machen so komische Memes in ihrer Freizeit erstellen. Er mag die Meme-Kultur. Auch seine Bilder wurden zu Memes, und er kann oder will das auch gar nicht stoppen.

Pläne
Zurzeit schreibt er ein Buch: Er möchte eine andere Art der Graphic Novel schreiben. Sein Buch White Cube beschreibt er eher als postmoderne kurze Joke-Sammlung.
Er mag Animation – und Skulptur. Er mag gern Spielzeug und heutzutage ist es auch leicht mit 3D drucken. Brecht möchte sich nicht abgrenzen.

Zeichnung ist für ihn der Anfang. Das wichtigste ist die Idee. Anders als Zeichnung und Stil, ann man die Idee nicht klauen, denn diese ist wirklich das Eigene.
Viele Leute lernen, verschiedene Stile und Zeichentechniken zu beherrschen. Seiner Meinung nach sollte man genau so hart an den Ideen arbeiten, wie an der Form. Wenn man die Technik und auch die Ideen hat, kann man alles erreichen.

Editorial Illustrationen
Heutzutage ändert sich die Medienlandschaft. Zeitungen haben starke digitale Konkurrenz. Der Takt, in dem Artikel geschrieben und veröffentlicht werden, wird immer schneller. Und alle wollen von Künstlern viel schneller eine Illustration bekommen, dabei aber die gleich gute Qualität bewahren.

Brecht geht so an Artikelprojekte heran: erst den Artikel lesen, und wenn ihm direkt eine Idee einfällt, dann sagt er zu und macht schnell skizzenhafte Zeichnungen.

Man kann schnelle Auftragsarbeiten auch so sehen, sagt er: Wenn man so wenig Zeit hat, muss man besonders schnelle Entscheidungen treffen. Das ist eine Herausforderung. Und wenn man unter dem Künstlerdasein vor allem das „Entscheidungen treffen“ als wichtig erachtet, ist es interessant, solche Erfahrungen mal zu sammeln.

Arbeitsalltag
Brecht arbeitet zu Hause und fängt sofort an, wenn er aufsteht. Er arbeitet von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, Es ist sehr viel Arbeit, aber es gefällt ihm auch sehr: nach 21 Uhr versucht er aber, die Arbeit ruhen zu lassen.

Auftragsarbeiten
Er weiß als Zeichner inzwischen genau, was ich schaffen will. Mit der Zeit entwickelt sich erst das eigene Gefühl darüber, ob das Bild tatsächlich gelungen, »gut« ist. Brecht zeigt selten seine Bilder bevor sie veröffentlicht werden. Natürlich gibt es aber bei Auftragsarbeiten einen prüfenden Durchgang vor der Publikation.

Skizzenbuch
Skizzenbücher sind sehr wichtig für Brecht und er hat immer eins dabei. In diesen Büchern passiert alles, dort wird viel gelernt. Wenn er Idee hat, schreibt er sie sofort auf. Wenn ihm gerade keine Idee einfällt, greift er auf alte aus seinem Skizzenbuch zurück. Und wenn er keinen Auftrag hat, arbeitet er immer an seinem Skizzenbuch weiter. Manchmal beginnt Brecht direkt mit einer Malerei, manchmal zeichnet er erst und malt danach. Beim Comic fertigt er erst Skizzen, damit diese in die Panels und die Konstrukte passen etc. Er mag die Mischung aus Chaos und Ordnung, und lässt diese Prinzipien gern miteinander agieren.