22.11.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Johanna Benz

macht Editorial und Graphic Recording

Johanna Benz arbeitet seit 2013 als freiberufliche Illustratorin für Zeitungen, Magazine und zeichnet live als Graphic Recording Artist auf Kongressen und Tagungen. Beim ersten Vortrag der Spezial-Material-Reihe im Wintersemester 2017/18 hat sie ausführlich über ihre zwei Arbeitsschwerpunkte gesprochen.

Im Vortrag berichtet sie zunächst von der Entstehung ihres Buches Aber ohne mein Akkordeon bin ich nichts! Ich wollte es nie. Ihr Diplom-Projekt wurde 2013 im Institut für Buchkunst der HGB Leipzig herausgebracht und erschien 2015 auf Französisch bei Éditions Magnani. Außerdem wurde es mit mehreren Preisen, unter anderem mit dem Bologna Ragazzi Opera Prima und dem Ilustrarte Grand Prix ausgezeichnet.

Das Buch erzählt die Geschichte des Pacho Rada, der mit seiner Musik die Menschen in Kolumbien sein ganzes Leben lang begeistert hat. Bei der Strandung einer Schiffsladung Akkordeons aus Deutschland entdeckte Pacho Rada eines davon und lernte es auf eine Weise zu spielen, wie niemand zuvor. Er wurde später mit seiner einzigartigen Musik berühmt und trat überall auf. Sein abenteuerliches Leben inspirierte Johanna, ein Buch darüber zu machen. Die Vorlage für das Buch war nur ein einziger Satz, der Pacho Rada selbst sagte: »Ich wollte es nie…« Sie recherchierte über seine Lebensgeschichte und fand Liebeslieder und Songtexte, die er selbst verfasste. Bei der Übersetzung des fremdsprachigen Textmaterials, ging es ihr weniger um eine fehlerfreie Übertragung, sondern mehr darum, das bildliche Potenzial der Texte zu entdecken. Schließlich schrieb sie ihre eigene Version seiner Geschichte.

Das Zeichnen bei diesem Buchprojekt war ein offener Prozess, erzählt sie weiter. Sie startete mit einem Blatt und näherte sich von Bild zu Bild der Geschichte an. Im Arbeitsprozess steht jedes Bild für sich allein. Dadurch veränderte sich teilweise die stilistische Anmutung der Bilder. Von den ersten Zeichnungen in einfacher Farbigkeit, kamen im Laufe des Entstehungsprozesses wildere Zeichnungen mit mutigen Farben hinzu. Sie betont die Wichtigkeit von Geduld beim Erarbeiten eines Blattes. Selbst sei sie aber eher weniger geduldig, so die Zeichnerin. Auch sei ein distanzierter Blick nicht unbedeutend, um Stärken und Qualitäten einer Zeichnung zu erkennen. Beim Zeichnen verfolgt sie keine chronologische Struktur. Die einzelnen Blätter werden erst später zu einer Erzählung zusammengefügt.

Die größte Herausforderung war es, die Verbindung zwischen Bild und Text herzustellen. Sie zeichnete den Text auf großen Blättern, die sie zwischen den Seiten der Bilder platzierte, so ähnlich wie die Schrifteinblendungen in Stummfilmen. Diese Textseiten haben die verschiedenen Zeichnungen auf eine unkomplizierte Weise zusammengefügt.

Bis heute war sie noch nie in Kolumbien. Das Fremde reizte sie. Im Gegensatz zum Alltäglichen ließ ihr das Unbekannte Freiraum für Fantasie und gestalterische Entwicklung.

Im zweiten Teil ihres Vortrags geht Johanna auf ihren anderen Schwerpunkt ein: graphic recording.

Ihre alternative Art des Graphic Recordings zeichnet sich dadurch aus, dass nicht der bloße Inhalt eines Vortrags wiedergegeben wird sondern auch Eindrücke und Stimmungen. Die Stimme der Zeichnerin ist sichtbar. Die Bilder funktionieren gleichzeitig als visuelle Dokumentation und Kommentar zur Veranstaltung. Fakten, Ideen und Meinungen werden dokumentiert, aufgezeichnet und bereichern die späteren Publikationen. Eine Diskussion wird durch die Bilder initiiert, kritische Punkte werden aufgezeigt. Vor allem wird die Aufmerksamkeit der Teilnehmer während der Veranstaltung angeregt – es funktioniert wie ein Happening.

Auch im Format unterscheidet sich die Art wie Johanna zusammen mit ihrer Kollegin Tiziana Jill Beck Graphic Recording angeht von den klassischeren Methoden am Whiteboard. Johanna und ihr Team zeichnen spontan und intuitiv auf kleinformatigen Blättern. Zum einen gibt es die Möglichkeit, die Bilder durch ein Live-Screening auf eine Leinwand zu projizieren und synchron die Veranstaltung zu begleiten. Eine andere Möglichkeit ist ein leises Recording, wobei einzelne Blätter als Bildersammlung vor Ort ausgestellt werden. Erinnerungen der Besucher und Aussagen der Teilnehmer werden festgehalten.

Es geht darum, Gehörtes und Gesehenes auf Papier zu bringen. Beim Übersetzungsprozess bestimmt der Input den Output. Hier vergleicht Johanna ihre Arbeitsweise mit der Funktion von memory foam. Als Zeichnerin nimmt sie eine Beobachtung für eine bestimmte Zeit auf, bring sie auf das Papier, und ist dann bereit für neue Eindrücke.

Das Ergebnis ihrer gelungenen Aufzeichnungen beschreibt sie teilweise als glückliche Zufälle. Es kann vorkommen, dass sie zuerst ein Motiv zeichnet und erst später Worte hinzufügt, welche beim voranschreitenden Vortrag vorkommen. Was willkürlich erscheint, findet sich auf dem Blatt zu einer ungezwungenen, humorvollen Kombination zusammen.

Es gibt Bildmotive, die für verschiedene Themen geeignet sind. Gleichzeitig gibt es Standardfloskeln, die bei Tagungen und Kongressen immer wieder auftauchen. Hier ist ein geschickter und spielerischer Umgang mit Symbolen, Motiven und Beobachtungen gefragt.

Am Ende des Vortrags erinnert sich Johanna an den Startpunkt für ihre dokumentarischen Zeichnungen: Angefangen hat es in der Kirche wo sie das Zeichnen im Skizzenbuch als bereichernd empfand wenn es mal zäh wurde. Ähnlich wie bei ihrer Arbeit mit Graphic Recording heute, da sie die aufgenommenen Eindrücke ummittelbar wieder abgeben kann.

Bei einer abschließenden Fragerunde gibt Johanna noch Auskunft zu Details ihrer Arbeitsweise. Unter anderem, wie sie sich auf ein anstehendes Graphic Recording vorbereitet. Neben dem üblichen Briefing mit dem Auftraggeber ist Eigenrecherche gefragt. Dazu deutet Johanna jedoch an, dass eine Gewisse Unbeholfenheit gegenüber einem Thema, ohne im Vorfeld zu viel zu wissen zu überraschenden Momente führen kann.

Wichtig ist aber das Warm-Zeichnen vorher, verrät die Zeichnerin.

Weitere Infos über Johanna findet ihr unter:

www.johannabenz.de

www.graphicrecording.cool