4.12.2019

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Joschua Knüppe

macht Paläo-illustrationen

Das heißt: DINOS! Fossilien! Wissenschaft und Spekulation!

Joschua Knüppe studierte Freie Kunst in Münster und hat sich schon früh auf das Zeichnen von Dinosauriern spezialisiert.
Als Paläo-Künstler arbeitet er eng mit Wissenschaftler*innen zusammen
und fertigt Rekonstruktionen von urzeitlichen Tieren für Museen an, etwa das Nationalmuseum für Naturkunde Luxemburg oder das Geomuseum in Münster.
Zudem beschäftigt er sich mit spekulativer Evolution und fiktiven Ökosystemen.
Am 04.12.19 sprach er mit uns über seinen künstlerischen Werdegang, seine rechercheintensive Arbeitsweise und wie Forschung und Kunst in der Paläo-Illustration zusammenspielen.
Und was passiert, wenn ein neuer Knochenfund alles über den Haufen wirft.

Joschua Knüppe beginnt seinen Vortrag mit einer kurzen Themenübersicht: Heute Abend geht es kurz um seinen Werdegang zum Paläo-Künstler, seine allgemeine Methodik, schließlich um Paläo-Art allgemein, spekulative Evolution sowie aktuelle Projekte. Frühe Zeichnungen demonstrieren, dass schon in jungen Jahren eine Fokussierung auf die Paläo-Thematik stattfand; es folgten Experimente der „Spec Evo“ ab der 8. Klasse, unter anderem inspiriert durch „Ernest Drakes geheimnissvolle Welt der Drachen“ oder BBC-Serien wie „The Future is Wild“. Wichtig war auch der Beginn seines Studiums im Jahre 2010 an der Kunsthochschule Münster bei Nicoline von Harskamp aber auch die Gründung eines Accounts auf DeviantArt: „Für wenige Bereiche, vielleicht noch für die Physik, hat sich die internationale Vernetzung durch das Internet so fruchtbar erwiesen wie für die Paläontologie und ergo die Paläo-Illustration“, erklärt er. Ein Großteil der Diskussionen neuer Entdeckungen durch Paläontolog*innen sowie möglicher Rekonstruktionsansätze durch die Paläo-Illustrator*innen finde online statt. 2018 erfolgte schließlich die Gründung von Joschuas #paleostream auf Twitter: Wöchentlich lädt er die Online-Community der Paleo-Artists dazu ein, mit ihm gemeinsam mal mehr, mal weniger bekannte ausgestorbene Spezies künstlerisch zu erforschen und festzuhalten.
Joschuas Lieblignsmaterial ist Papier: Es ist günstig, flexibel und leicht – ein unkompliziertes Medium eben. Für die Visualisierungen seiner spekulativen Welten allerdings benutzt er auch gerne Ton, Fimo oder Holz, um seine Kreaturen und Welten zu visualisieren; zuweilen auch unter Zuhilfenahme von Sound-Installationen. Seit 2018 arbeitet er allerdings auch gelegentlich komplett digital (etwa für den #paleostream) – mittlerweile sogar mit einem druckempfindlichen Grafiktablett, wie er im Hinblick auf die verdächtige konstante Strichdicke seiner älteren Werke betont.
Als eine Richtlinie für die Stilistik seiner Arbeiten formuliert Joschua die „dramatische Banalität“. Er zeigt seine Kreaturen (ob ausgestorben oder auf fernen Planeten „spekuliert“) gerne in durchaus alltäglichen Situationen, fernab von einer effekthascherischen „Monsterisierung“ seiner urzeitlichen Sujets, wie sie vor allem bei unwissenschaftlichen Urzeittier-Darstellungen häufig zu finden ist und oft allein dazu dient, den*die Betrachter*in zu schocken. Er setzt sich zudem gerne selbst Grenzen und versucht, eine Art „geringe Beliebigkeit“ zu erzielen: Die im Bild gezeigten Elemente sollten möglichst wissenschaftlich plausibel erklärbar sein und dadurch naturalistisch „zwingend“ wirken; nichts ist dem Zufall überlassen.

Joschua holt nun etwas aus und führt das Publikum kurz in das Feld der Paläo-Illustration im Allgemeinen ein. Insgesamt gäbe es, vor allem im deutschen Raum, nicht viele Künstler*innen und/oder Illustrator*innen, die sich der „korrekten“, penibel recherchierten Darstellung der Urzeit und visuellen Wissensvermittlung verschrieben hätten. Angefangen habe es mit Mary Anning und ihren Funden in Devon, eine der ersten Fossiliensammler*innen. Joschua zeigt die berühmte Radierung „Duria Antiquior“ von Henry Thomas De la Bèche aus dem Jahr 1830, eine der ersten Darstellungen urzeitlichen Lebens überhaupt, die auf Annings Funden basiert. Auch hier schon ersichtlich: Jeder frisst jeden, es geht ziemlich wild zu auf der wenn auch naiv wirkenden Zeichnung. Weiter geht es mit den Skulpturen Benjamin Waterhouse Hawkins‘ (1807 – 1894), die seinerzeit im Crystal Palace in London ausgestellt wurden (und bis heute, weiß Joschua zu berichten, aufgrund ihrer Größe und Bauweise, selbst als Gebäude geführt werden). Seine Darstellungen von Iguanodons als schwerfällige und sich quadruped fortbewegende Wesen sind heute veraltet, gelten aber dennoch als ikonisch. Als Beispiel für etwas beweglichere, agilere Dinosaurier-Darstellungen nennt Joschua Charles R. Knight (1874 – 1953) sowie den berühmten tschechischen Maler Zdeněk Burian (1905 – 1981), der in zahlreichen Publikationen zu urzeitlichen Themen abgebildet oder kopiert wurde und das Bild von Dinosauriern über Generationen geprägt hat. Die ihm sehr eigene Optik und Farbwelt haben unter anderem Filme wie „Die Reise in die Urzeit“ von Karel Zeman beeinflusst, ein frühes Beispiel für die Prägung unserer Vorstellung der Urzeit durch die Paläo-Kunst. Jüngere Vertreter sind der Amerikaner Gregory S. Paul (der allerdings aufgrund seiner Angewohnheit, seinen Rekonstruktionen keinerlei Fettpolster zuzubilligen, in die Kritik geriet), Mark Hallett sowie Douglas Henderson, eines von Joschuas persönlichen Vorbildern: Der Künstler aus Montana gibt seinen Arbeiten durch ein sorgfältig komponiertes Spiel mit Licht, Schatten und Atmosphäre einen distinktiven Look und hat darüber hinaus die sogenannte „Dinosaurier-Renaissance“ entschieden mitgepräg; ab etwa Mitte der 60er fand ein Umdenken im Hinblick auf Dinosaurier statt, die bis dahin zumeist als (siehe Hawkins) eher schwerfällige, oft dümmlich wirkende „Kaltblüter“ dargestellt wurden. Künstler wie Henderson präsentierten Dinosaurier aber nun als agile gleichwarme Tiere, die Brutpflege betrieben und Sozialverhalten ähnlich dem rezenter Säugetiere und Vögel zeigten. Noch etwas kühner in seinen Rekonstruktionen ist John Conway, geboren 1981, der sich in der Farbgebung seiner Urzeitwesen stärker von heutigen Tieren inspirieren lässt und sich in seinem Buch „All Yesterdays“ (2012) sogar an einer Art umgedrehten Paläo-Illustration versucht hat: Er rekonstruierte zum Beispiel Schwäne anhand ihrer Skelette so, als ob ihm die Gestalt der lebenden Spezies nicht bekannt wäre und kam damit zu erstaunlichen Ergebnissen, die unseren Blick auf die Urzeit humorvoll hinterfragt.
Mit der zunehmenden Entdeckungen von Fossilien, die Hinweise auf die Befiederung von Dinosauriern lieferten, fand in der Paläo-Illustration, wie Joschua verrät, das sogenannte „Enfluffening“ statt: Die Darstellung gefiederter Dinosaurier nahm zu, aber nicht nur Raptoren wiesen plötzlich ein Federkleid auf: „Teilweise wird nun einfach jeder Dinosaurier gefedert, ohne, dass es Hinweise darauf gibt, dass diese Art überhaupt Federn aufwies“. Denn die Ausbildung von Federn (oder einer Vorstufe, den Filamenten) hänge von vielen (Umwelt-)Faktoren ab; welche Arten nun eigentlich gefiedert waren und welche nicht, können nur zukünftige Funde entscheiden. Großproduktionen wie Jurassic World hingegen geben sich weiterhin schwer, diese mittlerweile gar nicht mehr so neuen Erkenntnisse umzusetzen; wohl aus Angst, die Dinosaurier könnten durch ihre Fluffyness an Autorität einbüßen und gar weniger furchterregend wirken, waren auch im aktuellsten Film der Reihe (2019) keinerlei gefiederten Dinosaurier(klone) zu sehen. An aktuellen Künstler*innen einer jüngeren Generation, die sich mit der Dino-Befiederung auseinandergesetzt und in ihren Bildern originelle Rekonstruktionen zeigen nennt er Emiliano Troco und Emily Willouhby.

Auch in die Geschichte der spekulativen Evolution, oder Spec Evo, die einige Prinzipien der Paläo-Illustration weiterspinnt und aufgrund ihres Anspruchs auf wissenschaftliche Plausibilität nah mit ihr verwandt ist, gibt Joschua einen Einblick. Als ein frühes Beispiel nennt er Gerolf Steiner (1908 – 2009), der sich in seinem Buch „Bau und Leben der Rhinogradentia“ mit einer von ihm selbst erdachten Spezies, den „Naslingen“ intensiv auseinander gesetzt hat. Ganz so, als existiere die Art wirklich, stellt er in dem Buch ihre Lebensweise, ihren Lebensraum und ihr Sozialverhalten vor – eben so, wie ein*e klassische Zoolog*in bei der Erforschung realer Tiere vorgehen würde. Der Künstler Dougal Dixon hingegen imaginierte in seinem Buch „Geschöpfe der Zukunft“ (1981) das Leben auf der Erde in 50 Millionen Jahren, spann die Evolution auf der Erde also weiter. In den Jahren 2001 – 2005 schließlich fand im Netz das „Speculative Dinosaur Project“ statt, für das verschiedene Künstler*innen Designs für eine alternative Erde entwarfen, auf der nicht-aviale Dinosaurier (d.h. jene, die sich nicht zu Vögel entwickelten) nie ausgestorben sind.
Joschua selbst verfolgt seit einigen Jahren sein freies Projekt „Nea“: Auf einem fremden Planeten, dessen Umweltbedingungen er selbst festgelegt hat (z.Bsp. geringere Schwerkraft und größerer Landanteil als auf der Erde) zeichnet er eine mögliche Evolution der Pflanzen- und Tierwelt im Laufe der Jahrmillionen nach. Noch etwas kühnere Creature Designs stellt er im Rahmen seines „Silvanus“-Projektes vor: Hier spekuliert er eine Entwicklung des Lebens, wie sie auf einem von Wasser komplett bedeckten Mond, auf dessen Oberfläche lebende bewaldete Kontinentalplatten schwimmen, stattfinden könnte. Sein Projekt „Drachen der Welt“ schließlich erforscht in bester kryptozoologischer „Ernest Drake“-Manier, ob auf unserer Welt eigentlich theoretisch Platz wäre für klassische Drachen – wie würden sie fliegen und wie müssten sie gebaut sein, damit sie tatsächlich Feuerspeien könnten? Wie müsste man sie taxonomisch einordnen, wer wären ihre Vorfahren? Wäre die Existenz beschuppter „Hexapoden“ mit vier Beinen und zwei Flügeln auf unserer Erde möglich – oder müsste man sich mit vier Gliedmaßen begnügen?

Nun kommt Joschua wieder zurück auf die Paläo-Illustration und wie er bei Aufträgen von Museen vorgeht. Aktuell arbeitet er zusammen mit der Volkswagenstiftung an einer Graphic Novel über den Europasaurus, eine Spezies, die vor 154 Millionen Jahren auf einer kleinen Insel im heutigen Harz existierte. Der Paläontologe Oliver Wings versorgt ihn mit aktuellen Informationen zum Ökosystem des Dinosauriers, welche Joschua dann optisch aufbereitet und in Skizzen mit den Experten abstimmt. In einer WhatsApp-Gruppe tauschen er, Wings und Art Director Henning Ahlers Ideen aus, bis ein Entwurf feststeht und Joschua sich an die zeitaufwendige Ausarbeitung in Gouache machen kann: eine Doppelseite nimmt dabei in etwa eine Woche in Anspruch. Dabei ist allen, die am Projekt arbeiten, die wissenschaftliche Korrektheit wichtiger, als das Projekt so schnell wie möglich abzuschließen; erst kürzlich ging es wieder in die Verlängerung: Wenn es veröffentlicht wird, solle es den hohen Ansprüchen der Experten genügen und natürlich auch auf dem aktuellen Stand der Forschung sein (die sich in der Paläontologie mit neuen Funden schnell ändern kann) – das dürfe auch mal länger dauern. Im November 2020 ist es aber endlich soweit und das Buch wird im Pfeil-Verlag erscheinen.
Joschua betont allerdings, dass in Deutschland der Markt für Paläo-Illustration noch so „nischig“ sei, dass es ohne eine internationale Positionierung nicht möglich sei, allein von der Paläo-Illustration zu leben – auch im Hinblick auf den enormen Zeitaufwand, den größere Projekte dieser Art erfordern.
Umso wichtiger ist eine lebendige Vernetzung über die Community. Seit Februar 2018 bietet Joschua den #paleostream an – zunächst auf YouTube, mittlerweile über Twitch – bei dem er live Rekonstruktionen ausgestorbener Tiere und Pflanzen auf Wunsch des Publikums ausführt. Dabei beruft er sich auf eine transparente Schnellrecherche sowie seine Erfahrung und zeigt zugrundeliegende Literatur oder Skelette teils direkt im Stream, so dass die Community seine künstlerischen und wissenschaftlichen Entscheidungen direkt nachvollziehen kann. Mittlerweile sind aus den dabei entstandenen Sketchen zwei Bücher hervorgegangen, die eine kleine Auswahl der inzwischen existierenden (Stand Oktober 2020) 1490 Einzelbilder zeigen. Bei gesonderten Challenges wird die Community ebenfalls zum Zeichnen aufgerufen und es entstehen unterschiedliche Interpretationen verschiedener Künstler*innen zu einer vorher festgelegten Spezies.


Joschua schließt den Vortrag folgerichtig mit einer Live-Rekonstruktion ab: An die Tafel im Ditze-Saal zeichnet er einen Arcovenator, einen sechs Meter langen Abelisaurier der späten Kreidezeit (Fundstätte Provence-Alpes-Côte d’Azur) und erläutert, warum er dem Tier welche Eigenschaften gibt: So wies der Schädel – neben Unterschenkel und einem einzigen Wirbel alles, was bislang vom Arcovenator gefunden wurde – raue Partien über den Augen auf auf, welche häufig auf keratine Panzerplatten (Hornplatten) auf dem Körper hindeuten. Die restliche Rekonstrukion beruhe aufgrund der wenigen Fundstücke auf nahverwandten Arten wie z.Bsp. Majungasaurus (Madagaskar) oder Rajasaurus (Indien).

Das #paleostream-Buch kann man hier bekommen: https://252mya.com/products/paleostream-sketches-of-prehistoric-life-by-joschua-knuppe-ebook

Hier geht es zu Joschuas Stream: https://m.twitch.tv/hyrotrioskjan/clip/PrettyPlumpPoultryMcaT

Hier geht es zum Europasaurus-Buch: https://pfeil-verlag.de/publikationen/europasaurus/