14.11.2018

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Katinka Reinke

macht Editorial

Katinka Reinke lebt in Hamburg und arbeitet seit 2013 als freie Illustratorin für internationale Print Medien und Unternehmen. Sie hat an der HAW Hamburg und an der UdK in Berlin studiert.
Dort entwickelte sie ihre klare, minimalistische Bildsprache mit der sie für große Magazine auch sperrige Themen wie internationale Politik, moderne Arbeitswelten oder das Bankwesen in starke visuelle Metaphern übersetzt.

Das Bild für das Ankündigungsplakat wurde von Spezial Material ausgesucht, und beschreibt  sehr gut, wie sie sich direkt nach dem Studium gefühlt hat und wie es vielleicht auch einigen von uns ging oder gerade geht: „Man hat so viel gelernt, aber der Weg von seiner Illustration leben zu können erscheint so unendlich weit.“
Katinka nimmt uns mit auf ihren Weg durch das Studium, wie sie ihren Stil gefunden hat,
über erste Aufträge, bis zu den zwei Säulen, die heute ihren Arbeitsalltag und ihr Einkommen ausmachen: Editorial Illustration & Travel Poster.

Studium
Zu Beginn ihrer Studienzeit hat sie viel ausprobiert und Grundlagen gelernt. Im Hauptstudium zeigte sich das erste Mal so etwas wie ein Stil: Collagentechnik aus Folien, plakativ und farbreduziert. Ein Illustrationskurs, in dem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jede Woche ein Zeitungsartikel illustriert wurde, war für sie sehr hilfreich fest im Stil zu werden und sich schnell in unterschiedliche Themen einzuarbeiten. Im Zuge dieses Kurses kam es zu ersten Veröffentlichungen.
Fasziniert von Orten und gesellschaftskritischen Themen behandelte sie in ihrer Diplomarbeit das Gefühl des Verloren-Seins von Jugendlichen in Großstädten; sie zeichnete Räume in denen Jugendliche sich aufhalten, kombiniert mit Zitaten aus Chaträumen.
In ihrem anschließenden Master in Berlin befasste Katinka sich mit dem Alexanderplatz, welcher, obwohl ganz absurd und lebensunfreundlich, als historisch aufgeladener Ort der meistbesuchte Platz in Berlin ist.

Start der Selbständigkeit im Bereich Editorial Illustration
Nach dem Master ging es zurück nach Hamburg in ein Gemeinschaftsatelier. Das dortige gemeinsame Arbeiten und Austauschen war gerade für die erste Zeit nach dem Studium ungemein hilfreich.
Zunächst hat Katinka jeden Auftrag der sich ergab angenommen, um das Portfolio auszubauen und Erfahrungen zu sammeln. Sie ging in Zeitschriftenläden, hat nach passenden Magazinen gesucht, eine Tabelle mit potentieller Kunden angelegt und immer regelmäßig Portfolios und Weihnachtskarten verschickt.
Der Start in die Selbständigkeit war nicht einfach. Empfehlen kann sie Coaching (siehe Gründercoaching Deutschland: https://www.existenzgruender-jungunternehmer.de/p/finanzen/foerderung/gruendercoaching.html) wo sie selbst wertvolles über Marketing und Akquise, vor allem aber über den Umgang mit Stress zu Geldsorgen und Zeitplanung gelernt hat. Es war gut mit einer Person regelmäßig den aktuellen Stand zu besprechen und Ziele festzusetzen. Ihr erstes Ziel war es für die ZEIT zu arbeiten und 14.000 € Umsatz, als Deckung aller notwendigen Ausgaben zu generieren. Dies gelang und bis heute formuliert sie diese Ziele für sich. Ganz im Sinne, dass unsere Handlungen stark davon beeinflusst sind, was wir uns vorstellen können.
Den Auftragsablauf einer konzeptionellen Editorial Illustration schildert Katinka anhand eines Auftrages für das Cover des Berlin Policy Journal: Bei Recherchen war sie auf die Zeitung aufmerksam geworden, welche mit tollen Covern und spannenden Themen zur europäische Politik aufwartet.
Auf ihre Anfrage hin, hatte sich der Art Director positiv zurück gemeldet, dass ein Cover für die kommende Ausgabe zur Abstimmung zum Brexit benötigt würde.
Zunächst wurden Skizzen angefertigt, besprochen und ausgewählt was umgesetzt werden sollte. Zwei Cover mussten entstehen, da man ja nicht sicher war, wie die Wahl ausgeht. Es ging dem Redakteur darum zu zeigen, wie beängstigend diese Entscheidung für die Europäer ist. Im Artikel wurden zwei verschiedene Szenarien gezeichnet: Europa fällt auseinander und andere schließen sich an/Europa wächst noch mehr zusammen. Es galt die Ungewissheit zu zeichnen und passende Symbole zu finden. Optionen waren dabei die britische Teetasse, die Europa Flagge und Sterne, eine Wahlurne. Zu überlegen war weiter wie diese Elemente zusammengesetzt werden konnten. Was funktioniert gut als Cover? Wie wirkt die Illustration in Verbindung mit der Überschrift? Was ist möglichst eingängig und bringt die Idee auf den Punkt? Auch musste das Farbschema des Berlin Policy Journal mit den kräftigen, plakativen Farben rot, blau, gelb und grün eingehalten werden. Da die Briten für den Brexit votierten, kam folgendes Cover zum Zuge, bei dem die letzte Korrektur die Platzierung der Teetasse auf der linken Seite war, mit der Begründung, dass auch England links von Deutschland liegt.
   

Ein Wendepunkt: Travel Poster und Online Shop
Die Editorial Arbeit hatte sich eingependelt, trotzdem war nach 4 Jahren klar, dass es so nicht die nächsten 10 Jahre laufen konnte, da nur die unmittelbaren Kosten gedeckt wurden und sich keine Rücklagen ansparen ließen. Auch blieb keine Zeit für eigene künstlerische Arbeiten.
Katinka ließ sich noch einmal coachen, wobei sie die Kreativgesellschaft Hamburg sehr empfehlen kann. Diese fördert selbständige Kreative mit 90 % Förderung (Bedingung: mindestens zweijährige Selbständigkeit und ein Umsatz von 12000 €, https://kreativgesellschaft.org/#Hamburg%20Kreativ%20Gesellschaft). Ihren Interessen nachgehend begann sie nun Travel Poster zu zeichnen. Zunächst von ihren eigenen Lieblingsorten, später und bis heute aber auch den Lieblingsorten anderer, welche an sie herangetragen werden. Es geht ihr dabei darum keine klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern das Lebensgefühl an diesen Orten zu zeichnen und subtil Vielfalt wie Homosexualität, Männer mit Kinderwagen, verschiedene Hautfarben, eine Abkehr von Stereotypen zum Ausdruck zu bringen.

Allein die Präsenz dieser freien Arbeiten im Internet brachte bereits ihren bis heute größten Auftrag: über Behance (https://www.behance.net/, dort hatte sie ein Miniportfolio angelegt) kam eine chinesische Fluggesellschaft auf sie zu, mit dem Anfrage 36 ihrer Reisedestinationen zu illustrieren. Dass es zu diesem Auftrag kam kristallisiert sich in der Tatsache heraus, dass es einfacher ist über ein bestimmtes Thema Kunden anzusprechen. Man ist auf ein Gebiet spezialisiert und Kunden können sicher sein was sie erhalten.
Zur Generierung eines durchgehenden Einkommens lud und lädt Katinka ihre Bilder auch auf verschiedenen Online Shops hoch, wo diese als Druck auf Postern, Duschvorhängen, Taschen etc. erworben werden können. Mögliche Plattformen sind dabei Redbubble (https://www.redbubble.com/) oder Society6 (https://society6.com/).
Der Vorteil ist, dass jeder dort Bilder hochladen kann und es eine verhältnismäßig hohe Provision gibt. Jedoch geht man leicht in der Masse unter. Hier hilft entweder selber Werbung zu schalten, oder auf der Startseite ’gefeatured’ zu werden.
Ein anderes Beispiel ist Juniqe (https://www.juniqe.de/): man muss sich bewerben, es wird viel Werbung durch die Plattform geschaltet und dementsprechend höher sind die Verkaufszahlen. Die Provisionen sind allerdings sehr gering (zwischen 8% – 30%).
Generell verdienen solche Plattformen sehr viel mit. Auf der anderen Seite nehmen sie auch sehr viel Arbeit ab: Es muss keine Rechnung gestellt, kein Versand organisiert und weitgehend keine extra Werbung geschaltet werden. Es kommt auf die Masse an. Durch das passive Einkommen, bis jetzt von ein paar hundert Euro pro Monat, kann der
Rücken freigehalten werden, unabhängig eigene Arbeiten erstellen zu können.

Als abschließende Ratschläge gibt Katinka mit:
– immer zu schauen, ob die eigene Arbeit zu einem passt und den Mut zu haben, etwas anders zu machen als vorher oder als alle anderen
– Hilfe anzunehmen und sich mit anderen auszutauschen
– Ziele zu setzten und Rückschläge einzuplanen
– keine Angst vor Buchhaltung zu haben und z.B. ein Gewerbe anzumelden. Mit der Künstlersozialkasse gibt es keine Probleme, solange man nur die eigene Kunst verkauft. Für das Finanzamt kollidiert ein Gewerbe nicht mit der Freiberuflichkeit, es ist nur eine eigene Tabelle auszufüllen. Ein Steuerberater kann unterstützen. “

Mehr von Katinka gibt es unter: https://www.katinkareinke.de/