22.03.2017

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Niklaus Heeb

Kathi Kant

Allesandro Holler

machen wissenschaftliche Illustration

Am 22. März hatten wir die Ehre direkt drei Referenten bei uns im Ditze-Hörsaal begrüßen zu dürfen. Aus dem schönen Zürich kamen Niklaus Heeb, Leiter des Studiengangs „Scientific Visualization“ an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), Kathi Kant und Allesandro Holler angereist, um uns über ihre Hochschule und natürlich ihre Arbeit zu erzählen.

Niklaus Heeb

Den Beginn des Vortrages übernahm Niklaus, welcher uns als erfahrener wissenschaftlicher Illustrator Einblicke in seine frühere Arbeit gewährte: Nach seiner Ausbildung, welche er 1991 in Zürich abgeschlossen hat und seinem anschließenden Biologie-Studium gründete er sein Atelier.

Zu seinen ersten Projekten gehörte die Entwicklung von der Gehebeschilderung sowie Wandbilder für den Zoo Basel. Später bildete die Rekonstruktion von Fossilien ausgestorbener Primaten seinen Schwerpunkt. Hier achtete er stark darauf, die Unklarheiten in den Forschungsergebnissen aufzuzeigen um ein möglichst objektives Ergebnis zu erreichen.

Diese Methode kam ihm auch bei der Rekonstruktion der Fossilien von Barry, dem ersten Lawinenrettungshund, welcher 1814 in Bern verstorben ist, zu Gute. Die Fossilien stellten die Forscher vor ein Problem:  Der Schädel Barrys passte nicht zu seinem restlichen Skelett. Niklaus erarbeitete hierbei eine zeichnerische Rekonstruktion, welche durch das Überlagern verschiedener Ebenen mögliche Lösungen für dieses Problem darstellte. Auch hier zeigte sich, dass die vermeintliche Realität durch gezielte Konstruktion ausgearbeitet und überprüft werden muss.

Später war Niklaus im Editorial tätig, wo er schnell zum Experten von Transplantationsdarstellungen wurde. Von der Niere, über das Gesicht, zum ganzen Kopf – Er zeigte und zeichnete alles.

Vor 12 Jahren fing er an der ZHdK als Dozent zu unterrichten an und vor 10 Jahren übernahm er die Leitung der Fachrichtung Wissenschaftsillustration. Auch wenn er jetzt kaum noch selbst als Illustrator tätig ist, hat er seine neue Leidenschaft im Fördern von neuen Talenten und Karrieren gefunden.

Die Zürcher Hochschule der Künste – eine der größten Kunsthochschulen Europas – ist eine stark multidisziplinär ausgerichtete Schule, an welcher die Bestrebung vorherrscht die Arbeit in Teams verschiedener Fachrichtungen zu ermöglichen und zu fördern.

Um dieser Ausrichtung gerecht zu werden und den Fokus von der traditionellen Wissenschaftsillustration um den Bereich der neuen Medien zu erweitern, wurde der Fachbereich „Wissenschaftliche Illustration“ in „Knowledge Visualization“ umbenannt. Wobei die Fachrichtung „Scientific Illustration“ im Bachelor unterrichtet wird.

Neben dem normalen Studium ist Niklaus und sein Fachbereich stets bemüht eng mit Forschern und Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Neben Kooperationsprojekten während des Studiums wurden so Forschungsgruppen eingerichtet, in welchen auch Absolventen weiter an ihren Projekten praxisnah arbeiten können.

Nachdem in der Geschichte der ZHdK die klassischen Darstellungsformen, wie die Zeichnung und das Aquarell lange den Fokus bildeten werden nun vermehrt neue digitale Darstellungsformen erforscht. Als besonders wichtig stellte sich hier die 3D-Grafik heraus, welche nun auch schon im Grundstudium fest zum Kurrikulum gehört. Neben den handwerklichen Fähigkeiten und der dokumentarischen Darstellung, welche lange die wissenschaftliche Illustration beherrscht haben, werden nun auch die Wissenschaftskommunikation und -didaktik immer wichtiger. Hierzu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen der dokumentierten Realität und dem Erschaffen von idealisierten Prototypen, welche die Realität sinnvoll erweitern können.

Nachdem Niklaus weitere Arbeiten seiner Studenten gezeigt hat, darunter Animationsfilme und in digital-analoger Mischtechnik entstandene Aquarelle, stellt er das Projekt von Elisa Forster vor, die leider kurz vor dem Vortrag wieder abreisen musste.

Elisa erstelle einen App-basierten „Digital Guide“ zum Erlernen, der für die Mimik bei Menschenaffen wichtigen Gesichtsmuskeln. Der Arbeitsprozess war stark am Experiment orientiert und so entstanden unterschiedlichste Artefakte. Neben dem „Digital Guide“, eines Posters für die Lehre und eines Bastelsets aus Papier für die räumlich-physische Auseinandersetzung, entstanden interaktive analoge Modelle aus Papier und Ballons. Trotz der digitalen Umsetzung bilden Zeichnungen die Grundlage für die Darstellungen.

Nun gibt Niklaus das Mikrofon an seine Studenten bzw. forschenden Mitarbeiter ab. Es startet Kathi Kant.

 

Kathi Kant

Kathi, die von 2006 bis 2009 in Hamburg eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte und anschließend im OP arbeitete, wusste schon zu Beginn ihres Bachelor-Studiums an der ZHdK, dass sie sich mit medizinischen Themen auseinandersetzen will.

Es entstand eine Kooperation mit einer Chirurgin, welche sich auf die Operation von Hasenscharten an Kindern spezialisiert hat. Eine spezielle Strategie ermöglicht es Kinder schon im Alter von 3 Monaten zu operieren und so, früh dafür zu sorgen, dass diese nicht lange mit den Begleiterscheinungen einer Hasenscharte zu kämpfen haben.

Da die Ausbildung, welche zur Behandlung dieser Erkrankung nötig ist, bis zu 8 Jahren dauert und eine Menge Erfahrung voraussetzt, sollte in der Kooperation ein Leitfaden für junge Ärzte entwickelt werden.

Die 3D-Scans von Hasenscharten, welche Kathi zur Verfügung gestellt wurden, machten schnell klar, dass eine didaktisch sinnvolle Darstellung nur mit eigens entwickelten 3D-Modellen möglich ist. Da die Scans aber selbst für die Rekonstruktion zu wenig Informationen enthielten, erarbeitete sich Kathi das Thema zeichnerisch und durch Modellierung. Basierend auf diesen Darstellungen konnte sie nun ein anatomisch idealisiertes Modell entwickeln. Dieses Modell wurde in eine digitale Anwendung integriert, welche es lernenden Ärzten ermöglicht, durch verschiedene Features Operationsstrategien zu entwickeln und zu planen. Inzwischen wurden insgesamt fünf 3D-Modelle integriert. Neben einem Referenzmodell eines normal entwickelten Gesichts, erarbeitete Kathi vier weitere Darstellungen unterschiedlicher Ausprägung einer Hasenscharte.

Nach ihrem Master hat sie den Kontakt zu einem Informatiker hergestellt, welcher sich mit statistischen Gesichtsmodellen beschäftigt. Ziel aus dieser Kooperation ist es einen Algorithmus zu entwickeln, der es ermöglich das Gesicht des Pateinten schon am Patientenbett zu scannen und in die Software einzufügen.

 

Allesandro Holler

Der dritte Referent an diesem Abend ist Allesandro, welcher uns sein Projekt zur Titanwurz vorstellen wird, welches im Forschungsbereich „Tangible Virtual Models“ erarbeitet wurde.

Allesandro, welcher vor seinem Studium an der ZHdK bereits Botanik studiert hat, hörte von der bevorstehenden Blüte, der im botanischen Garten der Universität Basel wachsenden Titanwurz. Durch seine vorherige Ausbildung motiviert, wollte er dieses Ereignis nicht verpassen, denn: Die Titanwurz blüht nur für zwei Tage und das auch nur etwa alle zwei Jahre. Diese seltene Blüte macht sie jedoch durch ihre Größe wett – Bis zu drei Metern misst sie.

Trotz seiner Ausbildung in der Botanik hatte er bei der Betrachtung dieser riesigen Blüte das erste Mal das Gefühl, den Aufbau einer Blüte richtig verstanden zu haben. Durch Ihre schiere Größe waren die einzelnen Blütenorgane ohne weiteres zu erkennen.

Er sah direkt eine enge Verknüpfung mit traditionellen Lehrmodellen, welche durch ihre Größe, die Möglichkeit des Auseinandernehmens und der Möglichkeit sie von allen Seiten zu betrachten ideale Lehrmittel darstellen.

Im Rahmen seiner Bachelor-Thesis hat er diese Qualitäten von botanischen und anatomischen Lehrmodellen untersucht, um sich diese speziellen Eigenschaften für seine eigene Arbeit zu Nutze zu machen. Basierend auf Messungen, Fotos und Skizzen hat er eine zeichnerische Zeitreihe der Blütenentwicklung angefertigt. Die Reihe bildete die Basis für eine 3D-Animation, welche wiederum die Basis seiner Bachelor-Thesis bildete – Einen Animationsfilm über die Entwicklung der Titanwurz.

Nach seinem Bachelor wollte Allesandro das Thema im Forschungsprojekt „Tangible Virtual Models“ weiterentwickeln. Mit Hilfe des „Leap Motion Controllers“, einer speziellen Infrarot-Kamera, welche die eigenen Hände in einem virtuellen 3-dimesnionalen Raum tracken kann, wollte er eine interaktive digitale Installation entwickeln. Ziel war es dem Benutzer zu ermöglichen, die Titanwurz mit den eigenen Händen so real wie möglich erfahrbar zu machen und sämtliche Funktionen der Anwendung durch Gesten zu steuern.

Zusammen mit einer Firma für Game Design wurde der erste Prototyp entwickelt, welcher im Museum für Gestaltung Zürich ausgestellt wurde. Die Ausstellung ermöglichte es Allesandro zu beobachten, wie die Besucher mit seiner Installation umgehen. Basierend auf diesen Daten konnte der Prototyp weiter verbessert werden.

Geplant ist eine große Kampagne zur nächsten Blüte der Titanwurz, bei welcher die interaktive Anwendung unter anderem im Züricher Hauptbahnhof gezeigt werden soll.

 

Kathi und Allesandro hatten Prototypen ihrer Projekte dabei, welche nach dem Vortrag noch ausprobiert werden durften.

 

Wir bedanken uns herzlichst bei Kathi, Allesandro und Niklaus für den spannenden und unterhaltsamen Abend und hoffen sie bald wieder in Hamburg begrüßen zu dürfen!