19.12.2018

Ditze-Hörsaal, Finkenau 35, HAW Hamburg

Torben Kuhlmann

macht Kinderbuch

Torben Kuhlmann ist freiberuflicher Illustrator und Kinderbuchautor aus Hamburg. Bereits als Kind war er als »der Zeichner« bekannt: Kleine Flugzeuge, kuriose Maschinen und dampfende Eisenbahnen zierten damals seine Arbeitshefte. Schon während seines Studiums an der HAW Hamburg arbeitete Torben Kuhlmann freiberuflich und war darüber hinaus 2010–2014 als Hausillustrator für Jung von Matt tätig. Das Studium schloss er 2012 mit dem Kinderbuch »Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus« ab, das 2014 im NordSüd Verlag erschien und international vielfach ausgezeichnet wurde. Auch seine nachfolgenden Bücher wurden bei NordSüd verlegt und seither in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sein neuestes Kinderbuch »Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes« erschien im August 2018.

Spezial Material: Torben Kuhlmann

19.12.2018

Nach längerer Lesereise war seine Stimme schon etwas lädiert, doch Torben Kuhlmann ölte sie trotzdem noch einmal extra für uns und hielt einen spannenden Vortrag, der uns Einblick gab in seinen Werdegang als Illustrator und den Entstehungsprozess seiner vielverkauften und vielbeachteten Kinderbücher der erfinderischen, fliegenden und tauchenden Mäuse.

Torben Kuhlmann ist der Autor einer Kinderbuchreihe, deren erster von drei Bänden inzwischen in 30 Sprachen übersetzt wurde, und der vor mittlerweile 7 Jahren, im Sommer 2012, seine Diplomarbeit und damit sein Abschluss des Illustrationsstudiums an der HAW war: „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“. Inzwischen ist er dem Department Design der HAW nah geblieben: Sein Atelier befindet sich nicht weit entfernt, den Kanal neben dem Unigebäude hinunter. Dort geht er seinem zeichnerischen Alltag am Schreibtisch nach, wo die Geschichten und Bilder entstehen, die inzwischen sehr viele Kinder begeistert lesen. Von diesen wird er oft gefragt seit wann er malt, und ob er schon immer so gut malen konnte.

Tatsächlich war Zeichnen schon seit seiner eigenen Kindheit ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Auf langen Autofahrten beobachtete er begeistert technische Dinge, wie besondere Autos, Brücken und Maschinen. Diese versuchte er auch zu zeichnen, und im Zuge dessen entstanden eigene Zeichnungen, die als Blaupausen dienten für erfinderische Basteleien aus gesammeltem Schrott im elterlichen Garten. Ähnliche Vorlieben also wie die der Mäuse, die Hauptcharaktere in seinen Büchern.

In der Teenagerzeit fing Torben dann an, sich ernsthafter mit Malerei zu beschäftigen, und entwickelte schnell eine Affinität zum Aquarell. Bei der Frage nach einem Studium war schnell entschieden, dass es Illustration sein sollte, da es dort um das Erzählen in Bildern ging – genau das, was er machen wollte.

Im Studium experimentierte er erst einmal viel herum, bis er dann relativ schnell wieder auf das Aquarellmalen zurückkam, welches er mit Zeichnung verband. Durch eine erste Veröffentlichung im Stern folgten einige weitere Aufträge im Editorialbereich.

Da Torben, wie er sagt, ein sicherheitsbewusster Mensch ist, und, wie viele andere Illustrationsstudenten wohl auch, Angst vor der Auftragslosigkeit nach dem Abschluss des Studiums hatte, fing er 2010 eine Festanstellung bei der Werbeagentur Jung von Matt an, um den Übergang ins Berufsleben vielleicht etwas lockerer zu gestalten. Dort zeichnete er für insgesamt viereinhalb Jahre Storyboards und Layouts für Werbekampagnen,

Vorvisualisierungen und manchmal auch Finalillustrationen für Werbung. Er musste sich erst einmal an das strikte Timing gewöhnen, da Umsetzungen oft innerhalb eines Tages gefordert waren. Vor allem beim Anfertigen von Storyboards konnte Torben seine Affinität zu Filmen und Inszenierung ausleben, denn dabei ist ein filmischer Blick und das Spielen mit verschiedenen Perspektiven gefragt.

Nach anderthalb Jahren in der Werbeagentur lief jedoch bald der Diplomstudiengang aus und es wurde Zeit für die Anmeldung seines Diploms.

Hier kam ihm dann eine Idee wieder in den Sinn, die er schon 2006 im Laufe seines Studiums gehabt hatte: die fliegende Maus. Im theoretischen Teil seiner Arbeit wollte er sich mit der Übersetzung von Textinhalten in Bilder beschäftigen. Wie unterschiedlich kann man eine Aussage eines Textes durch die Wahl des Blickwinkels, die Anordnung von Bildelementen und durch die Beleuchtung atmosphärisch beeinflussen, wie also das gegebene inhaltliche Material bestmöglich inszenieren? Torben versteht sich neben der zeichnerischen Tätigkeit ebenso als Kameramann und Regisseur seiner Bilder. Die Arbeitsweise, die für die Storyboards der Werbeagentur gefordert war, erstreckte sich so auch bis in die Arbeit an dem Kinderbuch.

Am Anfang seiner Arbeit an Lindbergh stand eine Ausarbeitung der ersten Idee, nämlich der, dass eine Maus eine Fledermaus entdeckt und den Wunsch entwickelt, auch fliegen zu können. Torben begann zu skizzieren und suchte nach Antworten auf offene Fragen. So entwickelte er nach und nach die Geschichte, indem er Ideen und Szenerien ausprobierte und wieder verwarf.

Während die anfängliche Idee von 2006 einen eher comichaften, stilisierten Ansatz verfolgte, wurde Torben im Laufe der Entwurfsarbeit klar, dass er in eine realistische Richtung gehen wollte. So waren auch die Flugapparate bis zu einem gewissen Grad realistisch und verwiesen auf die reale Luftfahrtgeschichte. So, dachte er, können sich die Kinder vorstellen, dass die Geschichte wirklich passiert ist, dass es die fliegende Maus Lindbergh vielleicht wirklich gegeben hat.

Die entscheidende Idee, welche die Arbeit an dem Buch richtig ins Rollen brachte, kam Torben unter der Dusche. Er brauchte nämlich noch einen Grund für die Mäuse, den Boden zu verlassen, eine Bedrohung im besten Falle. Da fiel ihm die Mausefalle ein. Deren Patentierung fiel glücklicherweise genau in die Zeit, in der er die Geschichte spielen lassen wollte. Dann prüfte er seine Geschichte noch, indem er die Perspektive des kritischen Lesers einnahm: Warum sollten die Mäuse fliegen, wenn sie auch mit dem Schiff fahren konnten?

Antwort: Weil die Mäuse durch die Mäusefallen immer weniger wurden, bewachten Katzen, die auf Mäuse als Nahrung angewiesen sind, die Schiffe. Also blieb nur noch der Luftweg.

Torben ging nun anhand eines Beispiels erneut auf den theoretischen Schwerpunkt seiner Diplomarbeit ein: „[Dass also] alles, was ich im Bild erzählen kann, auch nur im Bild erzählt werden darf. Also ich versuche dann tatsächlich, diese Doppelung zu verhindern und versuche eher im Text […] eine Szene aufzubauen und diese dann in mehreren aufeinanderfolgenden Illustrationen weiterzuerzählen und auch aufzulösen.“

Am Beispiel einer Katze, die eine Maus jagt, zeigte Torben in seinem Vortrag Möglichkeiten zur Auslegung eines textlich gegebenen Inhaltes auf. Beispielsweise kann die im Bild gezeigte Szene vor oder nach dem Ereignis im Text liegen. Im Falle von „Katze jagt Maus“ zum Beispiel wird der spannungsgeladene Moment vor der Jagd gezeigt, in dem sich die beiden Kontrahenten gegenseitig beobachten. Hier kann sich der Betrachter des Bildes vorstellen, was als nächstes passiert oder was davor passiert ist. Es entsteht eine Art Bildbiografie. Wenn diese Szene nun aus der Perspektive der Maus gezeigt wird, die Katze also groß und bedrohlich erscheint, wird der Betrachter Teil der Situation und kann sich mit der Maus identifizieren. Ein zeitlich unbestimmtes Bild bietet dabei eine bessere Projektionsfläche für den Betrachter.

Als ein weiteres Beispiel führte Torben den Moment an, der kurz vor dem Start eines Flugversuches der Maus liegt. Es ist noch ungewiss, ob es funktionieren wird, es entsteht eine Spannung, und der Leser wird dazu angeregt, umzublättern um zu erfahren wie es weitergeht.

Anhand weiterer Bildbeispiele zeigt Torben seine Arbeitsweise. Hier geht es vorrangig um die Wahl des besten Blickwinkels, der meist nicht menschlich ist, sondern „mausisch“, woraus sich dann ein umso größerer Kontrast zu weiten, erhabenen Perspektiven ergibt. Immer wieder stellt sich Torben die Frage, welche Sichtweise den Inhalt und die Atmosphäre der Geschichte bestmöglich transportiert.

Torben hat in sein Buch auch einige Referenzen zu historischen Bildern eingebaut, zum Beispiel Maulwürfe, die hoch über der Stadt auf einem Stahlträger sitzen und Mittagspause machen, oder den Zeitungsjungen, der von Lindbergh, der fliegenden Maus, berichtet, anstatt den Untergang der Titanic zu verkünden.

Dass das Buch verlegt wurde, geschah über Umwege. Torben sah die Chancen relativ gering, dass das Buch auf den deutschen Markt kommen würde. Es schien nicht bunt genug, es war nicht niedlich sondern eher realistisch, und ziemlich lang. Zum Glück hatte er seinen

Job in der Werbeagentur, sodass der Druck, das Buch verlegt zu bekommen, etwas geringer wurde, was auch die Arbeit daran erleichterte und befreite. Torben reichte einige Bilder beim Wettbewerb der Kinderbuchmesse in Bologna ein und sie wurden für die Ausstellung ausgewählt. Zusätzlich hatte er einen Buchdummy am Messestand der HAW. Er hatte jedoch, dem besseren Layout zugunsten, einen erfundenen Verlag auf das Cover gesetzt. So dachte der Verleger des NordSüd Verlags, der das Buch sah und dem es sehr gefiel, dass es bereits verlegt sei, und legte es wieder weg. Erst auf dem Heimweg im Zug, beim Blättern im Ausstellungskatalog, fiel ihm auf, dass Lindbergh noch gar nicht verlegt war.

Zuvor auf der Messe hatte sich Torben einige Absagen von Verlagen eingeholt: Die Geschichte sei zu regional, sagte Carlsen beispielsweise. Ein amerikanischer Verlag wollte über eine Veröffentlichung nachdenken, allerdings nur mit vielen Änderungen. So war Torben dann sehr froh, dass das Buch 2014 letztendlich bei NordSüd verlegt wurde, und auch gleich auf Deutsch und Englisch – das passte gut zur Geschichte, die in Hamburg und New York spielt. Inzwischen ist das Buch in 30 Sprachen übersetzt. Seit dem Sommer 2014 ist Torben, dank des Erfolgs der kleinen Maus „Lindbergh“ auch ausschließlich freiberuflich tätig.

Mittlerweile gibt es zwei Fortsetzungen in der Mäusereihe und zwischendrin widmete sich Torben auch einem anderen Buchprojekt, der „Maulwurfstadt“.

In der ersten Fortsetzung, die 2016 erschienen ist, geht es um „Armstrong“, eine Maus, die zum Mond fliegt. Die erste Idee dazu kam Torben während der Arbeit an Lindbergh. Der Entstehungsprozess war hier sehr viel einfacher und geradliniger als beim ersten Buch, wo er noch viel ausprobiert und verworfen hatte.

Wieder war bei Armstrong eine kleine Idee am Anfang: Raumfahrt. Das größte Ziel der Raumfahrt war bisher, zum Mond zu fliegen, also war schnell klar, dass dies auch das Ziel des Mäuseprotagonisten sein sollte.

Vorbild für diesen war auch hier eine Person der Geschichte: Galileo Galilei, der die Welt durch Beobachtung verstand. Mit dem Teleskop betrachtete er die Sterne und den Mond, zeichnete Mondphasen auf, und kam zu dem Schluss, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht das Zentrum der Welt ist. Das entsprach natürlich nicht dem Weltbild seiner Zeit.

Torben übertrug all das auf Mäuseebene. Dass nämlich die vorherrschende Vorstellung in der Mäusewelt ist, der Mond sei aus Käse. Nun war der Ansatz einer Geschichte vorhanden: der Gegensatz von Wissenschaft und Aberglaube.

In dem neuen Buch wollte Torben einen expressiveren Hauptcharakter zeichnen als in Lindbergh, und versuchte einen Weg zu finden, wie man einen realistischen Mausecharakter zeichnet, der trotzdem Emotionen zeigen kann.

In einigen Schlüsselszenen hält er die Geschichte nur in Bildern fest: Eine Maus mit Teleskop, der „Käsekult“, Fehlschläge von Flugversuchen, die Mondlandung.

Dann fing er an, die Geschichte zu schreiben und Ideen aufs Papier zu bringen, zum einen im Skizzenbuch, zum anderen mit Füller auf dem Notizblock. So entstand ein skizzenhafter Text, mit vielen Verweisen, Randbemerkungen und Umschreibungen. Mit den ersten Entwürfen und dem vorläufigen Text ging Torben dann zum Verlag, um die Idee für das Buch vorzustellen.

So machte er dann weiter, und Ideen im Text wurden zu weiteren Bildideen. Dann skizzierte er die gesamte Geschichte und fertigte ein komplettes Storyboard an, tippte den finalen Text, ließ dort Dinge weg, die im Bild erzählt werden konnten, oder gestaltete Bilder so um, dass sie sich nicht mit dem Text doppelten. Dann fing er an, das Storyboard in finale Illustrationen umzusetzen – erst die Schlüsselbilder und dann wild durcheinander.

Auch in seine Arbeitsweise gab uns Torben einen Einblick.

Zunächst fertigt er eine Vorzeichnung mit Bleistift und einem sehr feinen, wasserfesten Fineliner an, mit dem er auch schon erste Schraffuren anlegt. Danach legt er Schicht für Schicht die Aquarellfarbe darüber, als erstes eine erste blaue Farbschicht, bis dann viele, viele Stunden später das Bild fertig ist. Die Vorzeichnung mit dem Fineliner ist im finalen Bild noch etwas zu sehen, und auch nachträglich lassen sich damit noch klare Kanten und Kontraste schaffen, die etwas Schärfe in die Aquarellmalerei bringen.

Text im Bild fügt er nachträglich ein, mit dem Gedanken im Kopf, dass das Buch in mehreren Sprachen erscheinen wird. Durch das ausgearbeitete Storyboard ist bereits geklärt, wo der Text stehen soll.

Das dritte Buch der Reihe – „Edison: Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes“ – ist 2018 erschienen. Die Arbeit daran verlief noch geradliniger als bei den vorangegangenen Bänden. Torben hatte einige Ideen, die er unbedingt in der Geschichte haben wollte. Das Hauptproblem bei der Ideenfindung war allerdings, dass die Maus ja schon auf dem Mond war – was sollte also danach noch kommen? Torben entschied sich für das Thema Tauchen und die Schatzsuche im Ozean.

Das Storyboard entstand dann sehr schnell und die finalen Bilder waren quasi eine direkte Umsetzung davon, da Torben schon beim Storyboarden eine genaue Vorstellung davon hatte, wie die Bilder aussehen sollten. Dass alles so geradlinig ablief, lag aber auch daran, dass der Verlag sehr strikte Deadlines vorgab.

Zum Schluss gab es noch einige Fragen der Zuhörer:

Frage: Wird es einen animierten Film geben, vielleicht ähnlich wie die Trailer zu den Büchern?

Torben: Es ist nichts Konkretes derart in Arbeit, es ist aber durchaus nicht ausgeschlossen.

Frage: Wenn du so aufwendige Bilder malst, mit vielen Details und kniffligen Perspektiven, was ist deine Herangehensweise?

Torben: Viel Recherche, richtige Referenzen heraussuchen, auch mehrere Referenzen zusammenfügen und ergänzen, wo ein Einzelnes nicht genügt oder nicht genügend Informationen bietet. Vor allem wenn man den Anspruch an eine realistische Darstellung unserer Welt hat.

Frage: Wie groß sind deine Originale?

Torben: So groß wie im fertigen Buch.

Frage: Wie machst du es, dass der Bleistift nicht verwischt wenn du mit dem Aquarell darüber gehst?

Torben: Den Bleistift verwende ich nur ganz am Anfang, danach hauptsächlich den wasserfesten Fineliner.

Frage: Ich kenne viele Leute, die Mäuse nicht mögen. Hast du selber mal eine Maus besessen oder warum hast du dich für Mäuse als Hauptdarsteller in deinem Buch entschieden?

Torben: Besessen nicht, es gab aber im Haus meiner Eltern oft Besuch von Mäusen. Ich habe damals schon gedacht, dass sie clever wirken. Sie lassen sich nicht fangen, leben aber unter den Menschen. Schon als Kind fand ich das irgendwie charmant. Sie sehen auch schlau aus mit den leuchtenden Augen. Dass ich dann Mäuse für mein Buch gewählt hab, lag hauptsächlich an der Idee, dass eine Maus auf eine Fledermaus trifft. Außerdem brauchte ich einen Tiercharakter der mit seinen Händen etwas Komplexes bauen muss, eine Katze oder ein Hund wäre mit den Pfoten nicht so gut dafür geeignet. Nagetierhände sind etwas vielseitiger.

Wir bedanken uns bei Torben für seinen ausführlichen, informativen und spannenden Vortrag!